31.03.2015

Bonner Akademie für Praktische Politik (BAPP) lehnt eine bestellte Publikation über die Ukraine-Krise ab

Ein vielleicht aufschlussreicher email-Wechsel. 

Es ist am besten, die emails chronologisch, d.h. von unten nach oben zu lesen. 

1) In der ersten email (vom 30. März 2015, hier ganz unten) werden der BAPP von einem Mitarbeiter von mir "friedliche" Vorschläge unterbreitet, wie man das Problem der von der Akademie angemahnten Überlänge der bestellten und lang geratenen Publikation lösen könnte.

2) Die zweite email (auch vom 30. März) stellt die Antwort des Geschäftsführers der BAPP auf diese Vorschläge dar.

3) In der dritten email (vom 31. März, hier ganz oben) reagiere ich auf die Ausführungen des Geschäftsführers.

Nachtrag: Die BAPP hat einige Wochen später ihre Meinung doch verändert, aber nicht ihre Einstellung zur Freiheit des Wortes: http://jerzy-mackow.blogspot.de/2015/07/die-bapp-und-die-freiheit-des-wortes.html


Lieber Herr Dr. Berger,

ich bedanke mich sehr für Ihre ausführliche und offene email.
Als ich vor knapp einem Jahr im Rahmen meines BAPP-Projekts in der APuZ einen Essay über den Majdan veröffentlicht habe, haben Sie mir dazu noch gratuliert, obwohl er im gleichen "einseitig" freiheitlichen Duktus verfasst war wie meine "Abschlusspublikation", die sie nun ablehnen. Den inhaltlich zentralen Absatz des Essays habe ich sogar in die besagte "Publikation" aufgenommen, in der ich zeige, dass die Ukraine-Krise weder am Verhandlungstisch noch militärisch gelöst werden kann. Sie wird uns noch sehr lange begleiten, bis Russland in einer neuen smuta ankommt, in die es von Putin konsequent geführt wird. Die BAPP schlug mir übrigens nachweislich u.a. vor, jene Passagen meines Textes, in denen ich dem Leser erkläre, was "smuta" und die "russkij mir" bedeuten, zu streichen...

Ich finde es trotz all dieser eigentlich himmelschreienden Ignoranz sehr anständig von Ihnen, dass Sie nicht mehr vorgeben, Sie würden an der Länge des von mir erstellten Textes Anstoß nehmen. Sie geben zu, dass ihnen dessen politische Ausrichtung nicht gefällt. Ich kann damit sehr gut leben, dass Sie meinen Text insofern nicht als "sachlich" erachten. Sachlichkeit ist die Frage der Kompetenz. Ich gebe offen zu, dass ich Ihr Niveau der Ukraine- und Russland-Kompetenz sehr gern verfehle.

In gewisser Weise beruht die Unversöhnlichkeit unserer Positionen jedoch auf Ihrem Missverständnis des Politischen in einer freien Gesellschaft. Diese akzeptiert nämlich die politische Vielfalt. Ich erkläre es Ihnen mit einem einfachen Beispiel, das Russland betrifft: Mein politisches Russland das ist Russland Lew Gudkows (erinnern Sie sich noch an ihn bei der ersten Veranstaltung meines Projekts?) oder Boris Nemzows bzw. Lilia Schewzowas. Dieses meine Russland ist politisch so weit von Ihrem Russland entfernt wie Ihr politisches Deutschland von meinem. Selbstverständlich mache ich Ihnen wegen dieser Entfernung in einer freien Gesellschaft keine Vorwürfe. Sie sind hierzulande doch ebenso wenig dazu verpflichtet, Ahnung über Russland oder Lilia Schewzowa zu haben, wie ich über, sagen wir, Zentralafrika. Aber gerade deshalb ist es, lieber Herr Dr. Berger, voreilig und verkürzt, dass Sie meine Ausführungen im besagten Text "Russland-feindlich" nennen. Denn Ihr Russland (oder eher: Ihre vage Vorstellung davon) ist nicht das alleinige Russland. Lew Gudkow und  meine anderen russischen Freunde, die allesamt unter dem gegenwärtigen verbrecherischen Regime der Russländischen Föderation leiden, sind auch Russland. Nicht erst seit Februar dieses Jahres werden Menschen diesen Schlages in ihrem eigenen Land auf offener Straße erschossen. In der Propaganda des Putinschen Regimes werden sie auch als "Russland-feindlich" diffamiert.

Trotz der gravierenden politischen Unterschiede im Verständnis Russlands und der Politik müssen wir miteinander auskommen, ohne präventive Zensur auszuüben. Diese meinen Sie doch, wenn sie von Versuchen schreiben, mich "zu einer Veränderung ...[meines] Ansatzes für die Publikation zu bewegen". Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich mit meiner Erfahrung eines sowjetsozialistischen Systems die Zensur zutiefst verachte, weshalb Ihr zuletzt offenes Eingeständnis, Sie würden die mir von der BAPP in Auftrag gegebene Publikation aus politischen Gründen ablehnen, Respekt verdient. Dadurch bekomme ich übrigens die Chance, meinen Text in einem seriösen Verlag zu veröffentlichen. So können wir in einer freien Gesellschaft getrennte Wege gehen, ohne Respekt füreinander zu verlieren.


Mit freundlichen Grüßen

JM

 

>>> Boris Berger <boris.berger@gmx.de> 30.03.15 15.01 Uhr >>>


Sehr geehrter Herr Professor Mackow,

nach Lektüre Ihres Textes, aufgrund der Email von ... [ihrem Mitarbeiter] und interner Rücksprache mit dem Präsidenten [der Akademie Bodo Hombach] muss ich Ihnen mitteilen, dass wir als Bonner Akademie Ihre Publikation nicht weiter unterstützen werden. Wir sind nicht bereit, solche Texte, die politisch sehr einseitig, wissenschaftlich zumindest leicht angreifbar und sprachlich oftmals zu drastisch sind, unter dem Logo der Bonner Akademie zu veröffentlichen.

All unsere Versuche, Sie in den letzten Wochen zu einer Veränderung Ihres Ansatzes für die Publikation zu bewegen, haben leider keine Wirkung gezeigt. Wir bedauern diesen Schritt umso mehr, als wir diesen Schritt, die Verweigerung der Publikation aus sachlichen Gründen, bisher noch nicht hatten. Wir würden aber andernfalls damit das Niveau aller anderen Publikationen, die wir bisher in den letzten dreieinhalb Jahren veröffentlicht haben, deutlich unterschreiten und uns als Bonner Akademie darüberhinaus an mehreren Stellen angreifbar machen. Dazu sind wir nicht bereit.

Der von .. [Ihrem Mitarbeiter] übermittelte Vorschlag, wir sollten nur Bilder veröffentlichen mit dem Hinweis, wir hätten Ihren Text nicht veröffentlichen wollen und nur einen Bildband gewünscht, ist schlichtweg falsch. Zumal für den Außenstehenden die eigentliche Projektarbeit dann nicht mehr nachvollziehbar ist; das aber ist ja der eigentliche Sinn der Abschlusspublikation. Und es macht aus unserer Sicht schlichtweg keinen Sinn, irgendwelche Fotos mit einem Kommentar zu versehen, andere nicht, zumal wir ja immer wieder befürchten müssten, dass diese Kommentare den gleichen Inhalt hätten wie der Langtext.

So wenig wie wir uns zum Sprachrohr einseitig pro-russischer Positionen machen würden, werden wir uns zum Sprachrohr solcher einseitig Russland-feindlicher Positionen machen. Ich hatte Sie bereits mehrfach auf den sehr grenzwertigen Duktus Ihrer Emails in Bezug auf die angedachte Publikation hingewiesen und Sie mehrfach gebeten, diesen Duktus dort sowohl im Inhalt wie in der Sprache aufzugeben, da wir dies andernfalls nicht veröffentlichen könnten. Sie Zeller hatten darauf angesprochen, mehrfach "Mäßigung"zugesagt. Ich bedaure, dass Sie dazu offenkundig nicht in der Lage sind.

Ich gehe davon aus, dass Sie uns nun sehr zeitnah die noch in Ihrer Verfügung befindliche Restsumme der Projektsumme zurückerstatten werden, da diese Gelder ja vereinbarungsgemäß für die Abschlusspublikation Ihnen zugeteilt wurden und jetzt nicht dafür verwendet werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Boris Berger

Sehr geehrter Herr ...,

ich war in die Vorbereitung der Abschlusspublikation von Prof. Maćków involviert und er bat mich darum, auf Ihre letzte Email an ihn, in der Sie die Länge der Publikation bemängeln, zu antworten. Dieses Problem lässt sich leicht lösen.

Dadurch, dass der Textteil der Publikation der schriftlichen Längenvorgabe von 60 bis 70 Seiten von Herrn Dr. Berger entspricht und in diesem bewusst kein Bezug auf den Bilderteil genommen wurde, kann dieser auch einzeln veröffentlicht werden.  Auch wenn Prof. Maćków es sehr bedauern würde, wäre er damit einverstanden. Die von Ihnen vorgeschlagenen Kürzungen (OT Prof. Dr. Maćków: „completely insane“) wären somit hinfällig. Wenn erwünscht, kann Prof. Maćków noch eine Quellen- und Literaturliste erstellen. Möglich wäre auch die Einfügung des gesamten wissenschaftlichen Apparates. All diese Ergänzungen würden keine Überschreitung der Längenvorgabe nach sich ziehen.

Falls die BAPP den bestehenden Textteil nicht veröffentlichen möchte, wäre Prof. Maćków unter Umständen dazu bereit, für die Abschlusspublikation den Bilderteil anzubieten. Auch dieser überschreitet die ungefähre Längenvorgabe nicht. Dazu müsste Prof. Maćków allerdings noch vereinzelt Kommentare zu den Fotos ergänzen. Den Bildern müsste eine Karte der Ukraine vorangestellt werden. Darüber hinaus bestünde Prof. Maćków auf einen Vermerk der BAPP in der Veröffentlichung, der ausdrücklich darauf hinweist, dass die BAPP den Autor gebeten habe, einen Bilderband zu erstellen.

In jeder Variante käme ein knapp gehaltenes (maximal eine Seite) Vorwort hinzu. Copyrights für die Fotos würden beim Autor bleiben. Die Druckfahnen würden ihm zur Überprüfung vor der Veröffentlichung zugeschickt werden.

Bitte teilen Sie mir die Entscheidung der BAPP möglichst vor Ostern mit, da ich mich nach Semesterbeginn intensiv meiner Masterarbeit widmen muss und vorher mit dem Forschungsprojekt abgeschlossen haben möchte.

Mit freundlichen Grüßen

08.03.2015

Platzek bei Jauch am 8.3.15

Abschließender Kommentar zur gerade beendeten heutigen Jauch-Sendung: Es ist schon erstaunlich, dass es ausgerechnet in Deutschland so viel Verwunderung über die überschwängliche Popularität Putins in seinem Land gibt. Diese Verwunderung zeugt davon, dass diejenigen, die die "Geschichtsbewältigung" nicht für möglich halten, wahrscheinlich  Recht haben. Die meisten Deutschen sollten doch eigentlich wissen, dass ein Verbrecher von der überwiegenden Mehrheit des Volkes geliebt oder zumindest unterstützt sein kann. Diesbezüglich hat die "Geschichtsbewältigung" die Menschen hierzulande nicht gerade klug gemacht, was nicht zuletzt das Niveau der deutschen Talkshows-Runden zur Ukraine-Krise immer wieder aufs Neue zeigt. In der Tat könnte es sein, dass ohne diese "Bewältigung" die Deutschen politisch in dieser Frage "noch weniger klug" wären. Schwacher Trost. Und noch im Duktus von Cato: Der ehemalige Vorsitzende einer großen deutschen Partei ist mit seiner öffentlichen Unterstützung des Aggressors und Respektlosigkeit gegenüber dem Angegriffenen eine Schande für Deutschland.