19.03.2017

Kurz zu Flüchtlingen, Integration und Assimilation




Schon interessant: Einerseits wird massenhaft darüber berichtet, dass türkische Politiker, die für eine autoritär anmutende Verfassung unter ihren in Deutschland lebenden Landsleuten werben wollen, Auftrittsverbote erhalten, zuweilen aus fadenscheinigen Gründen. Andererseits aber wird massenhaft kritisiert, dass viele Länder der EU nicht moslemische Flüchtlinge aufnehmen (die übrigens in diese Länder überhaupt nicht gehen wollen). Warum sollen diese Länder es tun? Um eines Tages Auftrittsverbote, zuweilen aus fadenscheinigen Gründen, für Politiker aus den Ländern der Flüchtlinge aussprechen zu müssen? 

In solche Absurditäten gelangt man, wenn man die Wirklichkeit falsch wahrnimmt oder schön redet. Integration gelingt mit Menschen des eigenen Kulturkreises. Menschen fremder Kulturkreise muss man assimilieren, d.h. ihren Kulturhintergrund wesentlich verändern (wesentlich - es geht hier gar nicht um Äußerlichkeiten wie Kleidung oder Bräuche während der Festtage). Dieser zweite Prozess dauert Generationen, wenn er überhaupt erfolgreich sein sollte. (Damit es klar ist: Im Einzelfall kann es anders gehen, ich spreche über große Gruppen).

03.02.2017

Zwischen Ratlosigkeit und Misstrauen - zum Stand der deutsch-polnischen Beziehungen

Mein Interview zum Stand der deutsch-polnischen Beziehungen für "Der Westpreuße – Unser Danzig" vom 2/2017, hier übermittelt durch Blog von Tilman Asmus Fischer, der die Fragen gestellt hatte:

https://tilmanasmusfischer.wordpress.com/2017/02/03/zwischen-ratlosigkeit-und-misstrauen/

Übrigens: In einigen Tagen kommt Frau Merkel nach Warschau. Unüberhörbar sind Signale, dass die Bundesrepublik sich damit abgefunden hat, dass die PiS in Polen an der Macht ist.

07.01.2017

Was man in Deutschland über Polen kaum erfahren kann



In Polen findet im Jahresumbruch eine beispiellose Kompromittation der politischen Opposition statt: Nicht gerade gescheit, korrupt, verlogen. Der eine Oppositionsführer fliegt mit einer Kollegin zum Neujahrsfeier nach Madera, während die restlichen Kollegen und Kolleginnen mit fadenscheiniger Begründung über Weihnachten und Neujahrstage den Plenarsaal vom Sejm besetzt halten, um die Ausbreitung des "Autoritarismus" oder "Totalitarismus" (in Polen wissen sogar einige Jura-Professoren über den Unterschied zwischen beiden nicht Bescheid) in ihrem Land zu verhindern. Ein anderer zockt die von ihm geführte Prostestbewegung auf unverschämte Art und Weise ab (90 000 PLN, d.h. ca. 20 000 € im Jahre 2016). Der bis auf die Knochen politisierte Vorsitzende des Verfassungsgerichts weigert sich trotz einer formellen Aufforderung standhaft, Urlaub zu nehmen, weil er so bei seinem Ausscheiden 150 000 PLN als Urlaubsentschädigung mitnehmen kann.

Keiner, der die politische Bühne des Landes etwas kennt, wundert sich über diese Zustände. Es ist auch klar, dass bei aller berechtigten Kritik an der polnischen Regierung die - breit begriffene - Opposition die Hauptverantwortung für die in ihrer Regierungsszeit gewachsenen Probleme des Landes trägt. Es ist darüber hinaus erkennbar, dass augenblicklich zum ersten Mal nach 1989 eine polnische Regierung ihre Wahlversprechen tatsächlich einlöst - was man von diesen Maßnahmen auch halten mag, einige sind zweifellos kritikwürdig. Unübersehbar ist schließlich, dass die politische Opposition an der Eskalation der Lage auf der Straße und in der EU interessiert ist, weil sie sich mit ihrer Rolle der parlamentarischen Opposition nicht abfinden will. Last but not liest: Polen ist unter der PiS-Regierung kein autoritäres Land geworden. Vielmehr ist die Opposition sichtbarer und einflussreicher als in Deutschland, wo sie unter Dauerregierung der Großen Koalition längst aus dem politischen Geschäft verdrängt worden ist, woran sich die Medien und Öffentlichkeit gewöhnt haben.

Obwohl Polen ein freies Land, vielleicht sogar zu frei, bleibt, sind Zweifel an der Qualität der polnischen Demokratie angebracht. Sie ist hässlich und institutionell wie auch hinsichtlich der politischen Kultur der Eliten nur sehr schwach verankert. Politische Parteien sind opportunistisch, politische Klasse ist egoistisch und pekuniär eingestellt, auch andere Eliten des Landes sind oft inkomptent, zynisch und geldgierig, Gerichte und Richter arbeiten oft schlecht, Zeitungen und Sender sind längst beinahe ausnahmslos zu Propagandaeinrichtungen politischer Kampflager verkommen und sie stehen so in bester Tradition des letzten kommunistischen Hautpropagandisten, Jerzy Urban. Entsprechend ist der öffentliche Diskurs des Landes unsachlich und geradezu kriegerisch.

All diese Systemschwächen wurden unter und von der früheren Regierung acht Jahre lang geradezu gepflegt, aber sie waren, wenngleich nur anasatzweise, noch früher aufgekommen, in den neunziger Jahren, in der Zeit also, in der die polnische Transformation vor allem ihre Erfolge zeitigte. Die heutige Regierung versucht zwar gerade, eine Wende herbeizuführen, doch das politische Lager, von dem sie getragen wird, ist teils von gleichen Krankheiten befallen wie jene politischen Versager, die polnische Demokratie zum heutigen Zustand geführt haben...

Über all das kann man in den deutschen Zeitungen so gut wie nichts lesen, während im englischsprachigen Raum über die Selbstzerstörung von Ryszard Petru (in deutschen Medien als "Oppositionsführer" bereits beinahe gefeiert) und Mateusz Kijowski (korrupter Leader des "Komitees für die Verteidigung der Demokratie", mit dem in Deutschland auch mehrere Interviews geführt worden sind) durchaus berichtet wird.

Deutsche Medien bekleckern sich in ihrer Polen-Berichterstattung seit Langem nicht mit Ruhm. Das von ihnen nun kreierte Bild Polens, in dem Jarosław Kaczynski die polnische Demokratie zerstört, während die mutige Opposition für die Freiheit kämpt, weicht erheblich von der Wirklichkeit ab. Manche würden sogar sagen: Es hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

23.09.2016

Meine Antwort auf die Bemerkung von Dr. Roman Kryvonos zum Film "Wolyn" von Wojciech Smarzewski

Ich postete auf FB den folgenden Vermerk: „Ein wichtiger polnischer Regisseur, Wojciech Smarzewski, hat einen Film über das Wolhynien-Massaker 1943-1944 gedreht - "Wolyn". Der Film verspricht, etwas mehr Wahrhaftigkeit in den leider schwierigen Prozess der polnisch-ukrainischen Aussöhnung zu bringen, der immer noch zum Teil auf Verschweigen von wichtigen Problemen und auf Lügen über gemeinsame Geschichte aufbaut. Smarzewski: >Man kann keine Versöhnung betreiben, indem man die Wahrheit und den Teppich kehrt<. Ich fügte dem noch einen Link zum entsprechenden trailer hinzu.

Mein guter ukrainischer Bekannter und FB-Freund, Dr. Roman Kryvonos aus Kiew, reagierte darauf mit dieser Frage: Sollen die Ukrainer jetzt einen Film über die Taten von Armija Krajowa in Bieszczady oder Region von Chelm/Kholm drehen?

Diese Reaktion auf den Film von Smarzewski, die sogar für gebildete Ukrainer typisch ist, kann leider nicht nur als ein in der heutigen Lage der Ukraine vielleicht sogar verständlicher emotionaler Reflex interpretiert werden, und sie erfordert eine längere Antwort. Ich hoffe, dass sie von meinen ukrainischen Freunden nicht missverstanden wird. Sie lautet folgendermaßen:

Warum nicht? Die Ukraine ist seit 1991 ein freies Land. Hoffentlich wird es ein guter Film. Es wäre bloß schön, wenn in diesem künftigen ukrainischen Werk jene historische Wahrheit nicht verdrängt sein würde, dass das Ausmaß der von Ihnen genannten, von Polen begangenen Verbrechen ungleich kleiner als das des Wolhynien-Massakers war. Auch die entsprechenden historischen Zusammenhänge sowie politischen Intentionen der Entscheidungsträger wie auch die Zusammensetzung der Verbrecher waren sehr unterschiedlich. In diesem Kontext betrifft der wichtigste Unterschied die besagte Intention: Weder in der Umgebung von Chelm noch bei der vom kommunistischen Regime durchgeführten „Aktion Weichsel“ ging es darum, alle Ukrainer umzubringen, was bekanntlich das Ziel der nationalistischen UPA-Formationen in Bezug auf die Polen in Wolhynien und Galizien gewesen war.

Wenn aber ein solcher ukrainischer Film entstünde, dann hätten seine Produzenten selbstverständlich das Recht, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Wäre diese Sicht falsch, dann würden sie über sich selbst kein gutes Zeugnis abgeben. Wichtig ist freilich zu betonen, dass niemand, darunter selbstverständlich kein Pole, das Recht haben würde, den Film zu kritisieren, bevor dieser gezeigt wäre.

In der Ukraine hat aber leider bereits die Absicht des polnischen Regisseurs, den Film zu drehen, heftige Kritik und infame Vorwürfe ausgelöst. Dabei ist die Erwartung, dass man in Polen nach einem halben Jahrhundert der kommunistischen Herrschaft, die die Wahrheit über das Wolhynien-Massaker verschwieg, keinen Film über die grausamen Morde von damals drehen dar, ist – gelinde gesagt – unvernünftig. Immerhin geht es hier um zumindest 100 000 regelrecht abgeschlachtete Polen, worüber nicht zuletzt in dem vor einigen Jahren erschienenen Werk des Historikers Grzegorz Motyka über das Wolhynien-Massaker und die „Aktion Weichsel“ nachzulesen ist. Vor diesem Hintergrund ist es ein primär polnischer Skandal, dass dieser Film im freien Polen so lange auf sich warten ließ.

Heute auf dem Filmfestival in Gdynia endlich gezeigt, wurde "Wolyn" einhellig als ein künstlerisches Meisterwerk beurteilt. Die wie die meisten polnischen Pressetitel sehr Ukraine-freundliche "Gazeta Wyborcza" hat ihn vor ein paar Stunden sogar zum wichtigsten polnischen Film nach 1989 erklärt. Dies geschah nicht aus politischen Gründen. Vielmehr lobte der Rezensent dieser Zeitung, dass im Film das Böse im Menschen thematisiert wird, nicht so sehr das polnisch-ukrainische Verhältnis 1943-1944. In „Wolyn“ würden auch Polen gezeigt, die auf die grausamen Verbrechen der UPA und der ukrainischen Bauern selbst mit dem Griff zu Äxten und Mistgabeln reagierten.

Wenn dieses Urteil über die Qualität des Films stimmt, dann hat Smarzewski künstlerisch Großes geleistet. Ausschließlich die Fähigkeit der Zuschauer, seine Message zu empfangen, wird darüber entscheiden, ob diese Leistung gewürdigt wird und der Film – ganz beiläufig – bei den Polen und Ukrainern (wie auch bei Zuschauern aus anderen Ländern) das Gute weckt. Und Menschen, in denen das Gute lediglich schlummert, sind leicht zum Bösen zu verführen. 
Auch in Jan Mayers Roman "Die Glaskugel" wird Wolyn thematisiert