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11.12.2021

Rezension von Reitschuster.de zum Roman "Die Glaskugel"

Die Geschichte setzt im AuDie Glaskugelgust des Kriegsjahres 1942 mit einer Zugreise an, von der Passagiere lediglich wissen, dass sie irgendwann beendet sein würde. Ähnlich hört sie auf: Der deutsche Historiker Rotbart, dessen Werdegang die Entwicklungen in Deutschland, Polen, der Ukraine und Russland zum Plot des Romans gleichsam zusammenschweißt, steigt im August 2016 in den Zug ins Ungewisse ein. Für solche Reisen braucht man Hoffnung. Diese ist jedoch so brüchig wie die Glaskugel, der die aus dem Osten Europas kommenden Helden des Romans ab und zu begegnen.

Vor 1989 hätten der Westen und der Osten nicht unterschiedlicher sein können: Auf der einen Seite das biedere Glück, die Billigkeit sowie die bunt übermalte Langweile der Bundesrepublik, auf der anderen Seite die Tragik und Absurdität der zerkratzten, grauen Wirklichkeit des kommunistischen Ostens, in dem scheinbar alle vom westlichen Wohlstand und Lebensstil träumten.
Nach dem Kommunismus bestimmt im Osten Geld, wo es langgeht, und insofern ähneln sich die östlichen Lebensläufe immer mehr den westlichen. Auch im Osten baut Erfolg auf dem Verrat eigener Ideale auf. Die Karrieren des Geschichtsprofessors Rotbart und seines Intimgegners Udo Zenobius sind für diesen Lebensstil insofern symptomatisch, als beide vom Wunsch nach Bestätigung und Anerkennung getrieben werden. Der von seinem Beruf enttäuschte Rotbart übt sich in Machtspielen mit Frauen, während der Politiker Udo in der echten Machtausübung aufgeht.
Eine wichtige Message des Romans, dass Menschen nach Macht streben, weil sie zur Liebe unfähig sind, würden diejenigen am liebsten überhören, die wie Udo Zenobius daran glauben, dass die „freiheitliche Ordnung der Bundesrepublik“ aus den Deutschen bessere Menschen gemacht hat. Rotbart (offenbar dem Buchautor ähnlich) kann darüber nur lachen.
„Die Glaskugel“ ist also ein Roman über Hoffnung und Macht. Die Leser stellen fest, wie sehr sich die Macht in der langen Friedenszeit verändert hat. Der Onkel von Udo Zenobius, der im Sommer 1942 in der SS-Uniform die Passagiere des eingangs erwähnten Zuges im Vernichtungslager Bełżec begrüßte, hatte noch die Macht, mit seinem Browning fast jeden umzubringen. Demgegenüber knapp zwei Generationen später leidet Udo darunter, nicht in der Position zu sein, die Karriere seiner Mitarbeiter ruinieren zu können.
„Die Glaskugel“ ist aber auch ein Roman über den Kommunismus und den „Spuk“, den er hinterließ. Den Lesern wird nach der Lektüre bewusst, dass in jeder Gesellschaft nicht nur der Frieden, sondern auch das System Unterschied macht. Der russische Offizier Grigorij, eine der zentralen Romanfiguren, lebt in der Sowjetunion gut, sogar sehr gut. Er hat aber dennoch stets mit der Angst zu tun, weil er von seinem Gönner, dem Oberkommandierenden der Warschauer-Pakt-Staaten, fallen gelassen werden könnte. Mit seiner Bindung an den Marschall der Roten Armee stellt Grigorij einen Kontrapunkt zu Rotbart dar, der seinen Aufstieg im System der bundesdeutschen Universitätswelt eigenständig meistert. Selbst die Tatsache, dass Udo Zenobius es nicht schafft, sich von seinem politischen Zugpferd Gerhard Schröder zu emanzipieren, illustriert letztlich die Autonomie und Freiheit des Einzelnen im westlichen System.
Nach dem Kommunismus bietet der europäische Osten einigen Romanhelden schier unbegrenzte Aufstiegschancen. Sowohl Grigorijs strebsame Tochter, in der die Leser Julia Tymoschenko erkennen mögen, als auch eine polnische Liebhaberin von Rotbart verdienen mit ihren wirtschaftlichen Aktivitäten binnen weniger Jahre hunderte Millionen Dollar. Die Kehrseite ihres Erfolges stellt allerdings die geistige Leere dar, die der Verzicht auf eigene Ideale nach sich zieht. In Polen trägt diese Selbstverleugnung zum Hass der Neureichen auf diejenigen Politiker bei, die versuchen, die neue Ordnung gerechter zu gestalten.
Der Autor von „Die Glaskugel“ ist geschichtsversessen. Für diese Einschätzung spricht jedenfalls die Tatsache, dass er sich zutraut, die hinter verschlossenen Türen geführten Gespräche der bekannten Politiker – die er unter Decknamen auftreten lässt – zu „rekonstruieren“. Dank diesem Wagnis erfahren die Leser, wie sich der polnische Parteichef Jaruzelski sich der sowjetischen Führung unterwarf. Oder sie lernen Gorbatschows Beweggründe für Reformen, die er im Frühling 1987 in einem mit dem besagtem Marschall geführten Gespräch über Perestrojka verriet. Sie wohnen zudem der seltsamen Begegnung von Wladimir Putin und Gerhard Schröder in einer Petersburger Sauna bei. Ein Jahr später sind sie dabei, als sich Lech Wałęsa, Jarosław Kaczyński und Tadeusz Mazowiecki darüber zerstritten, wann man denn den Staatspräsidenten Jaruzelski absetzen sollte. Schließlich lauschen die Leser dem Monolog eines Staatssekretärs in der Regierung der Großen Koalition, der in einem vertraulichen Gespräch mit Zenobius im August 2015 die Gründe für die Öffnung der deutschen Grenzübergänge für hunderttausende Migranten offenlegte.
Die politische Küche vermischt Mayer mit dem zuweilen tragischen, oft dramatischen und ab und zu langweiligen Alltag seiner Protagonisten. Er nimmt seine Leser nicht nur nach Bełżec mit, sondern auch im August 1982 in den Kriegszustand nach Polen. In Posen finden sie sich auf einer antikommunistischen Party zusammen, bei der infolge der sozialistischen Versorgungsengpässe ausschließlich geräucherte Makrele, Brot und Sauergurken, reichlich begossen mit Wodka, serviert werden. Mayer zeigt ihnen nicht nur die Arbeitsmethoden und Denkweisen der Funktionäre des kommunistischen Sicherheitsdienstes, sondern auch die akuten Gefährdungen der Pressfreiheit in der Bundesrepublik, ebenso im Jahre 1982 wie im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausends. Er lässt die Leser an der Erhabenheit und der Trauer des ukrainischen Majdans 2014 teilhaben. Er veranschaulicht ihnen den Untergang der männerdominierten Sexualität, indem er seine weiblichen Figuren sowohl in frivolen Gesprächen als auch beim Intimverkehr Initiative ergreifen lässt.
In den gut 120 kleinen Unterkapiteln versetzt uns „Die Glaskugel“ in die längst vergessene Welt, in der es keine Handys und keine sozialen Medien, dafür aber geschlossene Grenzen und im Osten Europas unlösbare Probleme mit Telefonanschlüssen gab. Diese Welt war zwar langsam, aber keineswegs weniger dynamisch als die von heute. Die geschichtsträchtige Dynamik der vergangenen Langsamkeit ermahnt uns: Auch die heutige Zeit lässt sich nicht kontrollieren. Nach wie vor befinden wir uns auf einer Zugreise, die ins Ungewisse führt. „Die Glaskugel“ liefert zum melancholischen Nachdenken Stoff in Hülle und Fülle.
Die Themen des Romans sind also zahlreich: Hoffnung, Macht, europäische Geschichte, Leben im Osten und Westen, Melancholie. Aber auch an der handwerklichen Vielseitigkeit dieses Buchs, das Passagen des Sozial-, des Liebes- und des Phantasieroman Romans enthält, sich zudem zuweilen als politischer Thriller oder von Ironie durchtränkter philosophischer Monolog liest, haben die Leser ihren Spaß.
Es besteht kein Zweifel daran, dass „Jan Mayer“ ein Pseudonym ist. In der Autorennotiz wird vermerkt, dass er „unter anderen Namen“ in wichtigsten deutschen Zeitungen publizierte.
Wer versteckt sich hinter dem Decknamen?
Wer den Roman gelesen hat, wird wahrscheinlich zum Schluss kommen, dass „Die Glaskugel“ vom Autor des Umschlagfotos verfasst wurde, das jedem, der in die Nähe des Buchs kommt, ins Auge springt.
Der Roman „Die Glaskugel“ von Jan Mayer ist 2021 im Verlag LIT-literarisch erschienen. Er hat 714 Seiten und kostet 29,90 €



04.01.2021

Pandemie im Postkommunismus

Nach 1956 haben die Kommunisten im Ostblock ihre Sicherheit gewonnen. Dank der so genannten Entstalinisierung wurden sie nicht mehr umgebracht, wenn sie im politischen Kampf verloren haben. 

Sie genossen ihre neue Sicherheit. Aber nicht nur das. Sie haben im Nu den Staat zu ihrem eigenen umfunktioniert, so dass sie sich dessen scheinbar unbegrenzter Macht bedienten, und zwar auf allen Ebenen: als lokale Funktionäre auf der Kreis-Ebene, als Provinzfürsten in einer Region oder als Bonzen im Politbüro und im Sekretariat des Zentralkomitees ihrer Partei. Sie sprachen sich darüber ab, wie sie "ihre" Datschen und "ihre" Wohnungen untereinander verteilen würden, sie hatten "ihre" besseren Ärzte in "ihren" besser ausgestatteten Krankenhäusern, sie besuchten "ihre" gut versorgten Geschäfte, sie bekamen "ihre" Reisepässe, sie spannten "ihre" Richter und "ihre" Staatsanwälte ein, wenn (diesmal ohne Anführungsstriche) ihre Kinder betrunken einen Autounfall gebaut oder jemanden zusammengeschlagen haben, usw. Die kommunistischen Funktionäre hatten alles, was die normalen Untertanen entbehrten, plus die Sicherheit, die ihnen der vereinnahmte Staat gab.


Entsprechend war ihre Mentalität des chronischen und selbstverständlichen Eigennutzes. Sie färbte leider auf die Untertanen ab. Diese haben sich im Laufe der Jahrzehnte an das System, in dem die Machtstellung über die soziale Position im Gefüge "der unseren" Privilegien entschied, gewöhnt. Unter den Untertanen passten sich übrigens die oft parteilosen Schauspieler, Schriftsteller, Regisseure, bekannte Sportler und andere Prominente am schnellsten an. Die Kommunisten ließen sie um den Zugang zu den Privilegien bitten und öffneten ihnen oft die Tore der Regierungskliniken sowie gewährten Ihnen Reisen "ins kapitalistische Ausland". In Massengesellschaften tragen doch die angepassten Prominenten zuweilen entscheidend zur Staatslegitimation bei, egal ob es sich um ein demokratisches oder totalitäres System handelt. 


Heute wollen wenig gescheite Menschen ebenso wie chronische Lügner glauben und andere glauben lassen, dass das hier skizzierte System und die von ihm produzierte Mentalität in den Jahren 1989-1991 einfach verschwunden sind. Lächerlich... 


Es gibt im ehemaligen Ostblock zwar keine Kommunisten mehr an der Macht, aber es gibt durchaus "unsere" Sicherheit, "unsere" Staatsanwälte, "unsere" Richter und "unseren" Zugang zu den begehrten Gütern: zu den Bankkrediten, zu den gefälligen Entscheidungen der Staatsbeamten und - in der letzten Zeit - zu den Coronavirus-Impfungen. 


Was das letztgenannte Gut angeht, so lassen beispielsweise die neuen Besitzer von Russland, die die Sowjetunion und das kommunistische System öffentlich und offiziell zu einem leider verschwundenen Paradies verklären, für sich Impfungen aus dem Westen einfliegen, während sie dem Volk das ungeprüfte, nirgendwo sonst in der Welt zugelassene einheimische Zeug verpassen.


Aber auch in den Ländern, die sich lautstark von der kommunistischen Ära distanziert haben, und nicht zuletzt deshalb in die moralisch erhabene freiheitliche Familie der wohlhabenden und ungeheuer aufrichtigen Europäer (die bekanntlich ihre hehren Werte besitzen) aufgenommen worden sind, zeigen sich die Kräfte und die Mentalitäten der scheinbar längst überwundenen Ordnung. Wie in den letzten Tagen in Polen. 


Darüber werden Sie wahrscheinlich nichts (oder zumindest nicht die Wahrheit) erfahren können.


In Warschau, an einer medizinischen Universität geschah etwas Besonderes. Mehrere Dutzend Prominente (150 samt Familien)- darunter ein großer Schauspieler mit seinem so 35-jährigen Töchterlein, ein ehemaliger Premierminister, der Chef einer sehr aufgeklärt-demokratisch-proeuropäischen Fernsehstation, ein leider seit Jahrzehnten nicht mehr lustiger Satiriker und andere sehr wichtige und lustige Menschen - haben sich noch im Dezember gegen Covid-19 impfen lassen. Warum ist das verwunderlich? Weil in Polen, wo wegen Covid Dutzende Ärzte und hunderte Krankenschwester gestorben sind, augenblicklich ausschließlich das medizinische Personal geimpft werden darf. 


Die Dümmsten der "an der Warteschlange vorbei" Geimpften (eine bekannte Schauspielerin und ein ehemaliger - dazu noch im Wortsinne "postkommunistischer" - Regierungschef können  dumm wie ein Paar Schuhe sein) haben sogar auf Twitter mit ihren Impfungen geprotzt. So wurde die Angelegenheit bekannt.


Dieser Sachverhalt lehrt uns Banales: Es ist in jedem postkommunistischen Land relativ einfach, freie Wahlen durchzuführen. Es ist aber nicht möglich, binnen dreißig Jahre die Mentalität abzulegen, die sich in Generationen eingestellt hatte. 


Warum ist davon auszugehen, dass Sie in den freiheitlich-demokratischen Medien der Bundesrepublik über den polnischen Skandal nichts oder bloß Unwahrheit erfahren werden? Auf diese Frage gibt es zwei einander ergänzende Antworten:


Erstens: Fast alle regelwidrig geimpften Prominenten gehören zu den wildesten (es gibt wirklich kein zutreffenderes Wort in diesem Zusammenhang) politischen Feinden der PiS. Zweitens: diese Prominenten werden von den deutschen Journalisten sehr gemocht, die über Polen regelmäßig schreiben. 


Die deutschen Journalisten sind bekanntlich auf ihre Art und Weise (die mit dem Liberalismus kaum etwas zu tun hat) sehr, sehr liberal, und deshalb mögen sie die liberalen polnischen Prominenten. Sie sind von den polnischen National-Konservativen regelrecht angewidert, so stark kämpfen die deutsch-liberalen Journalisten für Meinungsfreiheit und europäische Werte (in anderen Ländern). Sie kämpfen gegen die pöse, pöse PiS, weil diese sie für verlogene deutsche Chauvinisten hält.


Anders als man in Deutschland zu glauben geneigt ist, reicht die "national-konservative" Gesinnung offenbar nicht aus, um aufzuhören, "liberal" zu sein. Inzwischen sind nämlich zwei Fälle der lokalen PiS-Funktionäre bekannt, die sich "an der Warteschlange vorbei" haben impfen lassen. Der eine ist sofort aus der Partei rausgeflogen. Es ist davon auszugehen, dass es auch mit dem zweiten so geschehen wird. Die wirklich liberalen und prominenten Regelbrecher übertreffen sich dagegen im Augenblick darin, Erklärungen abzugeben (dem pösen Trump ähnlich - nur auf Twitter), dass sie sich nicht von einer Schauspieler-Kollegin zur schnellen Impfung hätten zusammenrufen lassen, sondern in die ganze Sache versehentlich gerieten, ja vielleicht sogar hinein manipuliert worden seien.


Jarosław Kaczyński hat immer gesagt, dass er in Polen den "Postkommunismus" ausrotten will. Wie traurig es klingen mag: Er wird es zu seinen Lebzeiten nicht schaffen (sicher nicht mit der Unterstützung der deutschen Journalisten), aber Gott stehe ihm trotzdem bei.

 

23.11.2012

Postkommunistische Eliten: nicht mehr die Demokratie steht zur Debatte, sondern ihre Qualität



Es ist der Text des Vortrages, den ich am 7. November im Rahmen des 5. Höhenschönhausen-Forums in der Gedenkstätte gehalten habe.


Das öffentliche Interesse für die Problematik der postkommunistischen Eliten ist heutzutage nicht mehr so groß wie vor zwei Jahrzehnten. Es war früher bestimmt durch die noch gegenwärtige Diskreditierung des Kommunismus, welcher der Wunsch nach einer politischen Säuberung – nach der Entfernung der Kommunisten von Staatsposten – folgte. Diesem Wunsch ist in den meisten betroffenen Ländern auch scheinbar entsprochen worden. Denn die Gallionsfiguren der alten Ordnung – d.h. die kommunistische Parteispitze – wurden tatsächlich von der Macht entfernt. Dieser spektakuläre Vorgang hatte aber bloß symbolische Bedeutung, und zwar im zweierlei Sinne. Zum einen handelte es sich bei den kommunistischen Spitzenfunktionären definitionsgemäß um eine sehr kleine Gruppe. Zum anderen geschah es oft, dass diese Säuberung von jenen Parteigenossen durchgeführt wurde, die daraufhin – bereits zu „Sozialdemokraten“ umgewandelt – selbst die Macht im Staat übernahmen (unübersehbar war diese Entwicklungsvariante in Bulgarien nach November und in Rumänien nach Dezember 1989).
Sieht man von der politisch durchaus wichtigen Symbolik ab, so betrifft die Frage nach dem Elitenwechsel primär Abertausende Funktionäre der Nomenklatura, darunter selbstverständlich der kommunistischen Partei und ggf. der „Blockflötenparteien“, die selbst in den vom Elitenimport geprägten neuen Bundesländern nicht alle ausgewechselt werden konnten. Es wundert nicht, dass die Vergangenheit großer Elitensegmente als graue Funktionärsmasse heute kaum jemanden interessiert. Von daher birgt die Problematik der ehemals kommunistischen Eliten so gut wie keine politische Brisanz in sich, und zwar sowohl in Deutschland als auch in den anderen postkommunistischen Ländern. Das gilt sogar für die Politikwissenschaft. Hatten wir es noch in der ersten Hälfte der neunziger Jahre mit einer Flut von empirischen Studien zur Entstehung der postkommunistischen Eliten zu tun, so werden heute in den wissenschaftlichen Publikationen dazu die früheren Untersuchungsergebnisse bloß aufgefrischt. Auch die Tatsache spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle, dass die Wirklichkeit die anfangs vielleicht zentrale These der postkommunistischen Elitenforschung falsifiziert hat. Diese besagte, dass die Demokratie nach dem Kommunismus dann die größten Chancen hat, wenn das Ausmaß des Elitenwechsels (d.h. der „Elitenzirkulation“) wesentlich größer ist als das Ausmaß der Elitenkontinuität (der „Elitenreproduktion“).
Dabei sind Probleme mit der Demokratisierung damals tatsächlich ausgerechnet in jenen Ländern unübersehbar geworden, in denen die Elitenkontinuität am größten war: Belarus, Bulgarien, Rumänien, Russland, die Ukraine. In den Ländern dagegen, in denen die politische Säuberung im direkten Anschluss an den politischen Umbruch größere Ausmaße annahm und wo anschließend newcomer zu den Elitenposten vorrückten, konnte man über das demokratische Wunder staunen: neue Bundesländer,  Polen, Tschechien, Ungarn. In diesen Ländern – und das ist das wichtigste Ergebnis der empirischen Elitenforschung der neunziger Jahre – stellte sich, statistisch betrachtet, ein ausgewogenes Verhältnis der Elitenreproduktion (Kontinuität) und der Elitenzirkulation (Diskontinuität) ein.
Diejenigen Beobachter, die die Affinität von Elitenwechsel und Demokratie zu einem Gesetz erhoben, übersehen oder bestenfalls missverstanden zugleich einen anderen eigentlich nicht übersehbaren Befund der Elitenforschung. Die relativ starke Elitenzirkulation fand nämlich in jenen Ländern statt, die sich sonst bezüglich der Eliten zuweilen markant voneinander unterschieden. Diese Unterschiede betrafen so wichtige Merkmale wie:
die Loyalität der alten Eliten gegenüber dem kommunistischen System. Diese Loyalität war in der DDR ungleich stärker ausgeprägt als z.B. in Ungarn, von Polen ganz zu schweigen;
die Stärke der antikommunistischen Gegenelite im kommunistischen System. In Polen war diese sehr stark, während er in der DDR und der Tschechoslowakei bekanntlich politisch weitestgehend irrelevant war;
den Elitenimport. Die neuen Bundesländer erlebten ihn in einem Ausmaß, das aus nachvollziehbaren Gründen in den anderen Ländern nicht Mal ansatzweise auftreten konnte.
Wer also den demokratischen Erfolg der postkommunistischen Transformation auf die relativ starke Elitenzirkulation zurückführt, der sieht zugleich den Zustand der jeweiligen kommunistischen Elite und der jeweiligen Gegenelite wie auch den äußeren Einfluss auf die jeweilige Demokratisierung als belanglos an. Ebenso belanglos müssen ihm auch die weiteren – neben dem relativ hohen Grad der Elitenzirkulation – empirisch belegten Ähnlichkeiten der Elitenentwicklung in allen postkommunistischen Demokratien vorkamen:
die Anpassung der alten Nomenklatura-Eliten an das neue, demokratische System erfolgte in einem atemberaubenden Tempo,
die Abwanderung der beträchtlichen Teile politischer und ideologischer Eliten in die Wirtschaft,
„revolution of deputies“ – der Aufstieg der zweiten Reihe der Nomenklatura,
der später – nach der erfolgreichen Institutionalisierung der Demokratie – erfolgte Aufstieg der ehemaligen Elitenangehörigen bzw. zumindest der ehemaligen Parteimitglieder oder der Spitzel der kommunistischen Sicherheitsdienste in manchen Elitensegmenten (etwa in Parlamenten – die Parlamente der neuen Bundesländer stellen dafür ein anschauliches Beispiel dar).
All diese von der Forschung konstatierten Ähnlichkeiten und Unterschiede der Elitenentwicklung lassen den Schluss zu, dass nicht so sehr das Ausmaß des Elitenwechsels die Chancen der Demokratie im Postkommunismus bestimmt, sondern dass diese Chancen von anderen, mit den Eliten bestenfalls zusammenhängenden Faktoren abhängen.  Das Beispiel des im Postkommunismus einmaligen Elitentransfers in die neuen Bundesländer bestätigt es: Obwohl in den neuen Bundesländern die entscheidenden Elitenpositionen durch „Westimporte“ übernommen wurden und es in der DDR kaum eine antikommunistische Gegenelite gegeben hatte, fand in den neuen Bundesländern ein im Vergleich zu den anderen postkommunistischen Ländern durchaus beachtenswerter Aufstieg der newcomer statt.
Welche Faktoren begünstigten also die stärkere Elitenzirkulation und die rapide gewachsene demokratische Loyalität der vom alten System übernommenen Eliten? Sowohl die Elitenzirkulation als auch die neue Systemloyalität schufen jene konsensuell vereinte Elite, die ohne jeden Zweifel jede Demokratie braucht.
Ich möchte in diesem Zusammenhang auf zwei Faktoren hinweisen:
Es tat der Demokratie gut, wenn die Kommunisten bzw. ihre direkten Nachfolger nach den Gründungswahlen in die Opposition gehen mussten. In dieser Rolle lernten sie sehr schnell, was für ein gutes System die rechtsstaatliche Demokratie darstellt. Aber nicht nur in den späteren postkommunistischen Demokratien, sondern auch in Belarus, der Ukraine und Russland verloren die Kommunisten die ersten freien Wahlen. Ihre Erfahrung als politische Opposition erklärt also alleine ihre neue Akzeptanz der Demokratie nicht.
Die Demokratien entstanden ausschließlich in jenen postkommunistischen Ländern, die von jeher dem westlichen Kulturkreis angehören. Diese Zugehörigkeit hat offenbar irgendwie auf die Bereitschaft der postkommunistischen Eliten, den Verfahrenskonsens westlicher Demokratien zu respektieren, auch einen großen Einfluss ausgeübt. Bei der Erkundung dieses Feldes hilft uns aber die statistisch-empirische Elitenforschung kaum weiter.
In Bezug auf die Eliten im Postkommunismus sind auch die Fragen ihrer Kompetenz und ihrer Bindung an das Gemeinwohl sehr bedeutsam. Diese Faktoren bestimmen jedoch nicht so sehr die Chancen der postkommunistischen Demokratie, sondern bloß ihre Qualität. Und diese lässt noch viel zu wünschen übrig.