Die EU befindet sich in der Krise - das interessiert mittlerweile kaum jemand in Deutschland. In Syrien tobt ein Krieg, der mitten in Wohngebieten auch mit Giftgas Zivilisten tötet - trotzdem können die meisten deutschen Bürger ruhig schlafen, vorausgesetzt: Deutschland engagiere sich nicht. Vorgestern wurde tödliche Strahlung aus Fukushima gemeldet - und ausgerechnet in Deutschland reagierte darauf niemand, weil die deutsche Anti-Atomenergie-Hysterie mit der in vielerlei Hinsicht sonderbaren "Entscheidung über die Energiewende" offensichtlich ausgelebt wurde. Es gibt Wahlkampf in Deutschland - und erstaunliches Desinteresse darüber hierzulande, wo alle zu wissen scheinen, dass der Wahlausgang bekannt und ohnehin richtig sein wird.
Die vorherrschende narzistische politische Kultur der Spießer offensichtlich verinnerlicht, agierten Merkel und Steinbrück im gestrigen Fernsehduell wie gewöhnt langweilig. Dank dem Herausforderer gab es zwar Ansätze eines Streits (den die meisten Deutschen bekanntlich nicht mögen), doch dessen Themen betrafen beinahe ausschließlich die Einkommensängste (etwa die stets steigenden Energiepreise, die die besagte, vom Volk einhellig unterstützte Entscheidung verursachen musste). Ähnlich den Themen war auch das Niveau der TV-Auseinandersetzung dem durchschnittlichen Fernsehzuschauer angepasst, wofür insbesondere die Kanzlerin mit verdrossenen Phrasen ihrer Regierungspropaganda sorgte.
Das Duell war wie der Fernsehfilm "Tatort": langweilig, ohne Überraschung und Spontanität, wirklichkeitsfern und deshalb mit einer gehörigen Portion Verachtung gegenüber den Zuschauern versehen. Diese Zuschauer wollen es allerdings - wie den "Tatort" - so haben. Noch Schröder hat deshalb die deutsche Politik in die Ära der mediokren Populisten geführt. Was Putin, Lukaschenka, Tusk, Orban, Cameron, Obama, Berlusconi, Sarkozy u.a. praktizier(t)en, kann die deutsche Politik auch, aber eben auf die deutsche, "Tatort"-ähnliche Art und Weise. Nicht nur die Medien, deren oft aufgeblasenen Vertreter manchmal gar nicht merken, was an politischer Auseinandersetzung lediglich vorgetäuscht wird, sind daran Schuld. Auch die Durchschnittsbürger, denen weder die Medien noch die Politiker aus nachvollziehbaren Gründen sagen, wofür sie sie halten, sind für diesen Zeitgeist der im Fett schwimmenden Belanglosigkeit verantwortlich.
Vielleicht kommt eines Tages eine echte Krise, d.h. eine solche, die dieses Land tatsächlich erschüttert und - wieder belebt. Bis jetzt macht Deutschland jedenfalls den Eindruck, dass es den Zerfall des Kommunismus immer noch nicht überwunden hat. Es zeigt sich ohne den äußeren Feind dazu unfähig, Wichtiges von Weniger Wichtigem zu unterscheiden und richtige Prioritäten zu setzen. Es wirkt politisch wie die meisten seiner Bürger.
Man soll gegen den Strom schwimmen. Mit dem Strom schwimmt der Müll. (Zbigniew Herbert)
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02.09.2013
27.08.2011
Merkel, Kohl, Opportunismus und Europa
Angela Merkel will an der Macht bleiben, zumal bei aller Schwäche ihrer Partei die Opposition keineswegs exzellente Chancen hat, sie als Kanzlerin abzulösen. Der Preis für ihren Machtverbleib ist aber sehr hoch. Merkel sieht sich gezwungen, dem Volk, das die Ernsthaftigkeit der augenblicklichen Krise nicht zu begreifen vermag bzw. willens ist, nach dem Mund zu reden. Den meisten Deutschen scheint nämlich nur eines wichtig zu sein: Deutschland soll möglichst kein Geld für die Euro-Rettung aufbringen.
Mit dieser hierzulande typischen pekuniaren politischen Grundhaltung rächt sich der "demokratische Opportunismus" der politischen Klasse, die im vorangegangenen Jahrzehnt nichts getan hat, um zumindest junge Deutsche geistig zu europäisieren. Ganz im Gegenteil: Seit der Regierungszeit Gerhard Schröders spielen die Regierenden mit der Bevölkerung schon ganz offen ein nationales Spiel, während sie sich klammheimlich um eine Vertiefung der europäischen Integration bemühen. Dem Volk wird die nationale Übergröße vorgegaukelt, weil die Pflege der nationalen Selbstgefälligkeit auch in Demokratien dem Machterhalt zugute kommt. Die europäische Integration wird wiederum von den gleichen Regierenden als der beste Weg zum Wohlstand und Sicherheit betrachtet und - betrieben. Solange die Wirtschaft läuft, der Auslandsurlaub und das neue Auto bezahlbar sind, so lange kann eine geistig durch und durch auf den materiellen Erfolg fixierte Gesellschaft diesen Spagat übersehen. In Krisenzeiten jedoch, wenn in der Bevölkerung Emotionen Oberhand gewinnen, kann dieser Spagat als das wahrgenommen werden, was er ist: die Doppelzüngigkeit der demokratischen Elite.
Nun meldet sich durch den Opportunismus seiner Partei offenbar stark verunsicherte Helmut Kohl zu Wort und wirft der Regierungschefin Prinzipienlosigkeit vor, worunter er die Abwendung vom Westen und den fehlenden europäischen Geist versteht - beide übrigens engstirnig nationalistisch motiviert. Darauf reagieren ausgerechnet die Gegner der EU-Integration mit Jubel, und zwar nicht nur in der Politik (CDU/CSU), sondern auch in anderen meinungsbildenden Kreisen. Sollen diese Liebhaber der DM und übrige vorgestrige Nationalisten in der politischen Elite der Bundesrepublik bestimmend werden, wird das "Kohl'sche Europa" - mit der Zustimmung der Volksmehrheit - tatsächlich zerstört. Der Verlust der europäischen Währung wird Deutschland dann ungleich mehr kosten als deren Rettung. Dies ist aber nur halb so schlimm, weil sowohl das Volk als auch seine Eliten diese Entwicklung verdient haben werden.
Geradezu beiläufig wird jedoch wesentlich Wichtigeres zerstört: die Europäische Union. Vielleicht wird sich dann die Prophezeihung eines klugen Amerikaners bewahrheiten, die er vor einigen Jahren formuliert hat: "If Europe shall die, Germany will have killed it".
Mit dieser hierzulande typischen pekuniaren politischen Grundhaltung rächt sich der "demokratische Opportunismus" der politischen Klasse, die im vorangegangenen Jahrzehnt nichts getan hat, um zumindest junge Deutsche geistig zu europäisieren. Ganz im Gegenteil: Seit der Regierungszeit Gerhard Schröders spielen die Regierenden mit der Bevölkerung schon ganz offen ein nationales Spiel, während sie sich klammheimlich um eine Vertiefung der europäischen Integration bemühen. Dem Volk wird die nationale Übergröße vorgegaukelt, weil die Pflege der nationalen Selbstgefälligkeit auch in Demokratien dem Machterhalt zugute kommt. Die europäische Integration wird wiederum von den gleichen Regierenden als der beste Weg zum Wohlstand und Sicherheit betrachtet und - betrieben. Solange die Wirtschaft läuft, der Auslandsurlaub und das neue Auto bezahlbar sind, so lange kann eine geistig durch und durch auf den materiellen Erfolg fixierte Gesellschaft diesen Spagat übersehen. In Krisenzeiten jedoch, wenn in der Bevölkerung Emotionen Oberhand gewinnen, kann dieser Spagat als das wahrgenommen werden, was er ist: die Doppelzüngigkeit der demokratischen Elite.
Nun meldet sich durch den Opportunismus seiner Partei offenbar stark verunsicherte Helmut Kohl zu Wort und wirft der Regierungschefin Prinzipienlosigkeit vor, worunter er die Abwendung vom Westen und den fehlenden europäischen Geist versteht - beide übrigens engstirnig nationalistisch motiviert. Darauf reagieren ausgerechnet die Gegner der EU-Integration mit Jubel, und zwar nicht nur in der Politik (CDU/CSU), sondern auch in anderen meinungsbildenden Kreisen. Sollen diese Liebhaber der DM und übrige vorgestrige Nationalisten in der politischen Elite der Bundesrepublik bestimmend werden, wird das "Kohl'sche Europa" - mit der Zustimmung der Volksmehrheit - tatsächlich zerstört. Der Verlust der europäischen Währung wird Deutschland dann ungleich mehr kosten als deren Rettung. Dies ist aber nur halb so schlimm, weil sowohl das Volk als auch seine Eliten diese Entwicklung verdient haben werden.
Geradezu beiläufig wird jedoch wesentlich Wichtigeres zerstört: die Europäische Union. Vielleicht wird sich dann die Prophezeihung eines klugen Amerikaners bewahrheiten, die er vor einigen Jahren formuliert hat: "If Europe shall die, Germany will have killed it".
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