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25.03.2022

Das sterbende russländische Imperium und sein deutscher Helfer

Unsere Köpfe sind voll mit Ideologien. In Kriegszeiten, d.h. in Zeiten der sich verdichtenden epochalen Ereignisse, wird die Wahrheit sichtbarer denn je. Es gibt dann die Chance, unser Bewusstsein (Wissen, Verständnis der Welt) der Realität anzupassen. Das kann allerdings nur dann geschehen, wenn wir uns anstrengen, um zu erkennen, dass unsere Ideologien – wie Karl Marx es völlig zu Recht festgestellt hatte – falsches Bewusstsein darstellen. Wenn es um ideologische Ansichten über Russland und die Richtigkeit der deutschen Ostpolitik geht, dann haben wir heute die Chance, eine intellektuelle Umwertung vorzunehmen. Diese Chance wird nicht wahrgenommen. 

 

Die gängige Antwort auf eine der hierzulande populärsten Fragen, nämlich „Warum hat Russland den Krieg begonnen?“, lautet: „Weil Putin das russische Imperium wiederherstellen will“. Die Antwort ist falsch. Immerhin wird aber endlich wieder vom Imperium im Osten gesprochen.

 

Die Frage nach den Ursachen des Krieges kann in der Tat nicht beantwortet werden, wenn die Ordnungssysteme des Imperiums und dessen Gegenspielers – der nationalstaatlichen Ordnung – nicht verstanden werden.  

 

Während sich das Imperium aus Kolonien und der Metropole zusammensetzt, deren Expansion vom selbstgerechten Sendungsbewusstsein getragen wird, basiert die nationalstaatliche Ordnung auf dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Die Nationalstaaten versuchen ein Gleichgewicht zu erreichen und so Frieden zu sichern. Da es keine perfekte Weltordnung gibt, gibt es auch unter den Nationalstaaten Stärkere und Schwächere, Allianzen und Konflikte, Verrat und das Streben der Stärkeren nach Vorherrschaft. Trotz der konstanten Berufung auf das hehre Prinzip der nationalen Selbstbestimmung bringt die nationalstaatliche Ordnung keinen Dauerfrieden, weil zumindest einige Nationen sich immer wieder überschätzen. Es kommt hinzu, dass das Selbstbestimmungsrecht der Völker in der Praxis in nationalen Egoismus mündet. Deshalb – und nur deshalb! – hat die Europäische Union eine Legitimation und Erfolg.

 

Die im Westen so populäre Idee des Selbstbestimmungsrechts ist in der osteuropäischen politischen Praxis kaum verwurzelt. Kaum jemand im Westen weiß, dass dies auf das Fehlen der Nationen zurückging, d.h. auf die Absenz von jenen besonderen Völkern, für die der Wunsch, sich selbst zu regieren, selbstverständlich ist.

 

Die Russländer sind keine Nation, sondern das ihr Imperium dominierende Volk. Sie regieren sich nicht selbst (Russland ist von jeher eine Despotie), sondern schöpfen ihr Sendungsbewusstsein aus der Herrschaft über andere. Bei ihrem jahrhundertelangen Streben nach Kolonien beriefen sie sich auf widersprüchliche Ideologien. Zu diesen kann ebenso die im 19. Jahrhundert so genannte Triada Sergiej Uwarows, in der Despotie und Religion für die Identität der Russländer ausschlaggebend sein sollten, zählen wie in der Sowjetunion der atheistische „Marxismus-Leninismus“, der auf einem umfassenden „wissenschaftlichen“ Bücherkanon basierte. Heute ist es demgegenüber die plumpe, nicht kodifizierte Vorstellung von der „russischen Welt“ mit seinen zwei wesentlichen Aussagen: Erstens stelle der russländische Präsident das Zentrum des russischen Kosmos dar, zu dem neben den Russländern als unverzichtbare „Brüdervölker“ die Belarussen sowie die Ukrainer gehörten. Zweitens hieße der russländische Präsident Wladimir Putin.

 

Nationen sind für das in etwa drei Jahrhunderte währende Imperium, das seine Expansion vom Gebiet des Fürstentums Moskau startete, seine natürlichen Feinde. Nicht von ungefähr wurde das Reich der Romanows das „Gefängnis der Nationen“ genannt und eines der wichtigsten Bücher über den größten Anführer des Imperiums, Josif Stalin, verfasst von Robert Conquest, trägt den Titel „The Breaker of Nations“. Die nationalen Eliten der Belarussen und der Ukrainer wurden in der Sowjetunion ausgerottet, damit sich alle russischen Völker die imperiale Identität aneignen konnten.

 

Das Imperium befindet sich seit den achtziger Jahren in Auflösung. Zuerst löste sich Polen und im Jahre 1989 die weiteren, im Warschauer Pakt organisierten nationalen Kolonien von der Metropole ab, die kurz darauf alle ein Teil der nationalstaatlichen Ordnung Zentral- und Westeuropas wurden. Im Jahre 1991 zerfiel die institutionelle Kernstruktur des Imperiums – die Sowjetunion. Nachdem die Ukrainer und die Belarussen ihre Nationalstaaten erhalten hatten, stellte sich die Frage, ob der postsowjetische Raum weiterhin imperial oder nationalstaatlich organisiert sein würde.

 

Denn das Imperium war 1991 nicht ganz gestorben. Das Sterben ist immer ein Prozess, in dem das Leben dem Mann mit der Sense weicht. Das kann lange dauern. 

 

Einerseits lebte das Imperium im Anspruch auf Kolonien fort. Während die Russländische Föderation krampfhaft versuchte, die Bindungen zu ihren zu Nationalstaaten umgewandelten Kolonien nicht zu verlieren, tauchte der „demokratische“ Außenminister Andrei Kozyrew sie vorsorglich in „das nahe Ausland“ um. Dieses definierte er als die Zone der alleinigen russländischen Einflussnahme, von der sich der Westen fernhalten sollte. 

 

Andererseits verlängerte die misslungene Transformation des kommunistischen Totalitarismus die Sterbensquälerei des Imperiums. In der Ukraine verlief zwar die große Umwandlung hin zum Pluralismus etwas erfolgreicher als in Russland und Belarus, aber auch dort führte das Unbehagen der Sowjetmenschen mit der neuen Wirklichkeit zur wahnwitzigen Verklärung der Vergangenheit und nährte so die Nostalgie nach dem Imperium (ein ähnlicher Prozess ist aus den neuen Bundesländern bekannt).

 

Trotzdem gibt es keinen Zweifel daran, dass der Kopf des Imperiums der Sense nicht entkommen wird. Dafür sorgt die beschleunigte Nationenbildung in Belarus und der Ukraine. Diese erfolgte auf natürlichem Weg durch das biologische Abtreten der Sowjetmenschen und manifestierte sich eindrucksvoll in spektakulären Protesten gegen die Beharrungskräfte des Imperiums: Majdan 2004-2005, Majdan 2013-2014, belarussische Proteste 2020. Aus den Rufen „Wir sind viele, wir werden siegen!“ und „Es lebe Belarus!“ konnte man das fröhliche Staunen heraushören, ähnlich dem Staunen, das sich im ersten Schrei der Neugeborenen verbirgt. 

 

Im Umbruch der Jahre 2011-2012 erlebte auch Russland politische Proteste. Sie waren vom Ausmaß viel kleiner und von der Ausrichtung her anders gelagert als bei den vermeintlichen Brüdervölkern. Sie richteten sich ausschließlich gegen den politischen Betrug des Kremls. Sie haben bestenfalls die Möglichkeit der Geburt der russländischen Nation angedeutet. 

 

Für Putin steht es außer Frage, dass weder die Russländer, noch die Belarussen, noch die Ukrainer Nationen sein dürfen. Seine Landsleute teilen mit ihm die Meinung, dass sie nicht zu den Grenzen des Moskauer Fürstentums im XVI. Jahrhundert zurückkehren wollen. Deshalb standen sie immer zu ihrem Präsidenten, wenn dieser den Westen dazu aufforderte, die Kozyrew-Doktrin zu respektieren. 

 

Der Westen tickt aber gerade in Europa anders als Putin und sein Volk, nämlich national. Er liebt es, das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu beschwören und den nationalen Egoismus zu praktizieren.

 

Die deutsche Russland-Politik der vergangenen 25 Jahre war jene des nationalen Egoismus, wobei die Deutschen ihre nationalen Interessen eng ökonomisch definierten, was zwar einfach zu konzipieren, aber nicht unbedingt klug war. Echt geistreich war dagegen die Darstellung der nationalen Interessen als europäische Interessen. Dabei setzte die Bundesrepublik ihre Größe geschickt ein. Die innenpolitischen Probleme Frankreichs und der Brexit verhalfen zusätzlich zur Übernahme der Führung in der EU. 

 

Mit seiner Vormachtstellung in der Union betrieb Deutschland – die Bundesregierung samt der deutschen Öffentlichkeit – die doppelgleisige Russland-Politik. Während rhetorisch Kritik am Putinschen System ausgeübt wurde, wurde realiter mit Putin eine Partnerschaft auf dem für beide Länder zentralen Feld der Energieversorgung praktiziert: Russland lieferte Energie, für die es aus Deutschland Waren importierte und Geld nahm, mit dem er seine Streitkräfte modernisierte. Diese Allianz des untergehenden Imperiums mit dem seine eigene europäische Bedeutung, Klugheit und Stärke überschätzenden Nationalstaat musste bei den neuen Mitgliedern der EU, darunter vor allem in den baltischen Staaten und in Polen sowie in der Ukraine, Reminiszenzen hervorrufen. 

 

Politisch Denkende in Mittel- und Osteuropa erinnerten sich daran, dass der Erfolg der Friedenspolitik Bismarcks auf der Anerkennung der imperialen Ansprüche Russlands basiert hatte. Das Wilhelminische Deutschland akzeptierte die Zone der alleinigen russländischen Einflussnahme und stellte sich somit unmissverständlich und manchmal brutal gegen die Nationen und die nationalen Bewegungen im Westen des Zaren-Imperiums. Das Misstrauen gegen die Bundesrepublik wuchs.

 

Auch die Amerikaner fühlten sich düpiert dadurch, dass seit Schröder alle Bundesregierungen immer stärker die Schwäche ihrer Schutzmacht ausnutzten, die sich für die USA infolge ihrer vom demokratischen Messianismus getriebenen Außenpolitik und ihres Dauerkonflikts mit China ergab.

 

Der Erfolg blendet. In ihrem simplen Ökonomismus unterschätzten die Bundesregierungen sowohl die ungeahnten Kräfte der Nationenbildung in Osteuropa (für diese hat die deutsche politische Klasse keinen Sensor, weil man dazu Geschichtswissen braucht), als auch den russländischen Willen, das Sterben des Imperiums aufzuhalten. Was den zweiten Punkt angeht, so gingen sie von der anfangs erwähnten falschen Annahme aus, dass Russland dabei ist, das Imperium wiederherzustellen. Politisch war diese auf Unwissen basierende Fehleinschätzung verhängnisvoll. Da Deutschland auf Russlands Stärke, d.h. auf die lange Perspektive der Zusammenarbeit mit ihm gesetzt hatte, verlor es. 

 

Moralisch ist es der Verlierer. Jetzt müssen auch die Deutschen erkennen, dass ihr Land dem sterbenden Imperium geholfen hat, eine friedliche und fleißige Nation mit dem Krieg zu überrollen. Zugleich müssen sie realisieren, dass der russische Präsident unzählige ukrainische Leichen braucht, um zu begreifen, dass das Imperium nicht zu retten ist. Wie alle anderen Völker müssen sie dabei hoffen, dass er zuvor keinen Genozid begehen wird. 

 

Deutschland steht heute zwischen Russland, von dem es für einen nützlichen Idioten gehalten wird, und der Ukraine, die es verachtet. 

 

Es ist wie ein Kind, das gerade eben realisiert hat, dass es die Welt nicht versteht, aber über das Wissen nicht verfügt, um zu begreifen, dass der politische Erfolg niemals ausschließlich auf dem Wirtschaftserfolg basiert. Gezwungen zur Korrektur seines unartigen Handelns, schluckt es Tränen und schweigt. Wenn es ab und zu von den Erwachsenen zum Reden gebracht wird, wiederholt es Mantra-artig, dass die Spritpreise bereits sehr hoch seien und man für die Energiewende Gas braucht. 

 

Klammheimlich hofft es auf bessere Zeiten – nach dem Krieg. Es macht sich viele Gedanken darüber, was die Ukraine denn Russland geben sollte, damit dieses den „Frieden, der am wichtigsten ist“, akzeptiert.

 

 

 

 

 

 

 

16.03.2016

Mein Buch "Die Ukrainekrise ist eine Krise Europas" ist endlich da!

Nachdem ich nicht zuletzt auf der Leipziger Buchmesse mein Buch "Die Ukrainekrise ist eine Krise Europas" vorgestellt habe, ist es nun bei Amazon bestellbar (http://www.amazon.de/Ukraine-Krise-eine-Krise-Europas-fotoTAPETA__flugschrift/dp/3940524492/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1457796743&sr=8-1&keywords=jerzy+mackow) - auch als kindle-edition beziehbar (http://www.amazon.de/Ukraine-Krise-eine-Krise-Europas-fotoTAPETA__flugschrift/dp/3940524492/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1457796743&sr=8-1&keywords=jerzy+mackow).

Es war nicht einfach, dieses Buch, das ursprünglich auch ca. 70 farbige Illustrationen enhalten sollte, zu veröffentlichen. Es war die Bonner Akademie für Forschung und Lehre Praktischer Politik (BAPP), die es mir im Jahre 2013 in Auftrag gab. Sie lehnte aber im März 2015 die Publikation des von mir erstellten "einseitigen" und "antirussischen" Manuskriptes ab. Diese Vorgänge hatte ich in diesem Blog bekannt gemacht (wie eine sich "Akademie" nennende universtitätsnahe Institution auf die Putin-kritische Meinungsäußerung reagiert), woraufhin sich bei mir der mir zuvor unbekannte Leiter des NicoLai Verlags, Alexander Stegman, meldete. Nach Lektüre des Manuskripts lud er mich zum Gespräch nach Berlin ein, lobte das ihm zuvor zugeschickte Manuskript ausdrücklich und wollte es als Buch herausgeben, allerdings ohne die Illustrationen, deren Publikation die Druckkosten in Höhe treiben würde. Meine Versuche, für die Fotos von eingen Zentralen für Politische Bildung einen Druckkostenzuschuss zu besorgen, scheiterten.

Einige Wochen später machte die BAPP unerwartet einen Schritt weg von der russischen hin zur westlichen Welt und erklärte sich bereit, das Buch doch noch zu veröffentlichen. Leider war der Schritt nicht groß genug, weil die Akademie darauf bestand, es zu zensieren: 

Wie sich der Geschäftsführer der BAPP nicht entblödet, einem Professor der Politikwissenschaft einen anderen Politik-Professor als Putin-freundliche Anstandsdame vorzuschlagen.

Wegen des fehlenden Druckkostenzuschusses habe ich mich nach der Absprache mit Alexander Stegman dazu entschieden, aus den kommentierten Illustrationen ein Kindle-Album u.d.T. "Ukrainische Ambivalenzen: Ein Bildalbum zum besseren Verständnis der Vergangenheit und Gegenwart der Ukraine" zu gestalten. Diese Edition kann seit Januar 2016 für 2,99 € bei Amazon erworben werden (Bildalbum zum Buch). Sie vertieft und erleichtert das Verständnis des Buchs über die Ukraine-Krise, das sich allerdings auch selbst "verteidigt".

Unerwartet kam aber die Absage des Chefs des NicoLai Verlages:

"Ihr Text [fordert] ganz offensichtlich dem deutschen Leser einen hohen Lesewiderstand ab.... Unsere Gutachter skizzieren ihn zum Teil mit Attributen wie: hasserfüllten, kriegshetzerischen, selbstgerechten Text". Man beachte die, man muss es schon leider sagen, unterschwellig Ausländerfeindlichkeit dieses Herren: Obwohl ich seit 30 Jahren für den deutschen Leser schreibe und mittlerweile ein deutscher Staatsbürger bin, sieht mich dieser Eingeborene als unfähig, für "den deutschen Leser" ein Buch zu verfassen. Mit der Bezeichnung "Gutachter" ehrte Herr Stegman zugleich eine Dame, die er offenbar für die Verkörperung des deutschen Lesers hält: ahnungslos und arrogant.

Solche Probleme hatte ich mit dem inhaltlich auf Mittel- und Osteuropa orientierten Verlag Edition Fototapeta nicht, bei dem mein Buch letzten Endes erschienen ist.

23.07.2015

Die BAPP und die Freiheit des Wortes

Erst jetzt, zu Beginn der vorlesungsfreien Zeit, komme ich endlich dazu, hier die letzte email aus meiner leidigen Korrespondenz mit der Bonner Akademie für Forschung und Lehre Praktischer Politik (BAPP) zu posten. Ich erhielt zwischendurch sogar einen vorwurfsvollen Anruf von der wissenschaftlichen Seite der Akademie, ich hätte in meinem früheren Post (nachzulesen hier) den email-Wechsel nur unvollständig wiedergegeben. Wie jeder überprüfen kann, entbehrt dieser Vorwurf jedweder Grundlage: Ich hatte die Korrespondenz am 31. März d.J. publik gemacht, d.h. lange bevor am 29. April die besagte letzte email des Geschäftsführers der BAPP, Dr. Boris Bergers, an mich geschickt wurde. Trotzdem habe ich damit nicht das geringste Problem, auch sie hier zu veröffentlichen (siehe unten).

Die tückische Wortwahl und der absurde Inhalt überraschen mich bei diesem Geschäftsführer nicht. Knapp zwei Monate zuvor hatte er die Veröffentlichung meines von der Akademie bestellten Manuskripts abgelehnt. Jetzt "erneuert [er nun] noch einmal das Angebot", meine "Ergebnisse in der Publikationsreihe der Akademie zu publizieren". Das klingt so, als hätte ich mich früher mehrfach geweigert, gleiches Angebot anzunehmen. In Wirklichkeit hatte ich mich im September 2013 schriftlich u.a. dazu verpflichtet, mein Projekt mit einer Publikation für die BAPP abzuschließen. Diese Verpflichtung habe ich termingerecht - Anfang Februar 2015 - erfüllt. Es waren aber Dr. Berger und der Akademie-Leiter Udo Hombach, beide herausragende Experten in den Fragen Osteuropas, der Wissenschaftlichkeit, obendrauf noch unübertroffene Meister der deutschen Sprache, die meinen "antirussischen" Text "als politisch einseitig, wissenschaftlich zumindest leicht angreifbar und sprachlich oftmals zu drastisch" disqualifiziert hatten.

Nach dieser Ablehnung habe ich keinerlei Anstalten unternommen, um einen Sinneswandel in der Akademie-Führung zu erreichen, weil ich die Gleichsetzung von Kritik an Putin und seinem Regime mit Russlandfeindlichkeit für niveaulos halte. Vielmehr habe ich nach einem Verlag Umschau gehalten, der mein Buch publizieren würde. Ich kann aber nicht ausschließen, dass eben mein Post mit der hier zitierten, hinsichtlich ihrer geistigen und intellektuellen Simplizität geradezu betörenden email Dr. Bergers den Meinungsumschwung der Akademie mitgewirkt hat. Denn die von mir veröffentlichten Worte des Geschäftsführers erscheinen als ein weiterer Beleg dafür, dass die BAPP zum Kreis der deutschen "Putin-Versteher" gehört, zumal sie kurz nach dem Mord an Boris Nemzow geschrieben wurden...

Wie ich es heute einschätzen kann, weist die BAPP-Führung in Sachen Russlands und der Ukraine nicht nur baträchtliche Kompetenzdefizite auf, sondern sie ist vielmehr an dieser Kompetenz nicht sonderlich interessiert. Business as usual scheit auf diesen Feldern ihr schlichtes Motto und zugleich Programm zu sein. Obwohl ich zumindest in ihrem Umfeld trotzdem vielleicht einen kleinen Kompetenzzuwachs bewirken könnte, habe ich zu keinem Zeitpunkt ernsthaft überlegt, ihren Vorschlag vom 29. April anzunehmen. Ich werde selbstverständlich mit der wissenschaftlichen Leitung der BAPP keinen Kuhhandel treiben, um einvernehmlich zu bestimmen, welche "polemische Passagen" meines Textes auf Putin-Unterstützer bzw. Putin-Freunde in Deutschland "möglicherweise irritierend" wirken. Obwohl ich ausgerechnet auf diesem Feld von der Akademie gewiss Einiges lernen könnte.

Es tut mir sehr Leid, es über eine Einrichtung, für die ich anderthalb Jahre redlich gearbeitet habe, so sagen zu müssen, aber das in der email Dr. Bergers wiederholt vertretene Verständnis des freien Wortes und Wissenschaft ist ein Witz... Aus Geschichte nichts gelernt.


Die email Dr. Bergers vom 29. April im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Professor Maćków,

Bezugnehmend auf das von Ihnen geplante und von der BAPP finanzierte
Publikationsprojekt zum Forschungsprojekt möchte ich nach Rücksprache
mit unseren Gremien noch einmal das Angebot erneuern, Ihre Ergebnisse in
der Publikationsreihe der Bonner Akademie zu publizieren.

Dabei bitten wir Sie, die zwischen uns thematisierten polemischen
Passagen, die auf Leser möglicherweise irritierend wirken, zu streichen
oder durch mildere Formulierungen zu ersetzen, damit unnötige Reaktionen
verhindert werden.


Dazu setzen Sie sich am besten mit dem Wissenschaftlichen Leiter unserer
Einrichtung, Herrn Prof. Dr. Frank Decker, in Verbindung, der Ihnen
entsprechende Vorschläge machen kann.

Mit freundlichen Grüßen
Boris Berger


Ich gehe davon aus, dass damit die Angelegenheit abgeschlossen ist.

31.03.2015

Bonner Akademie für Praktische Politik (BAPP) lehnt eine bestellte Publikation über die Ukraine-Krise ab

Ein vielleicht aufschlussreicher email-Wechsel. 

Es ist am besten, die emails chronologisch, d.h. von unten nach oben zu lesen. 

1) In der ersten email (vom 30. März 2015, hier ganz unten) werden der BAPP von einem Mitarbeiter von mir "friedliche" Vorschläge unterbreitet, wie man das Problem der von der Akademie angemahnten Überlänge der bestellten und lang geratenen Publikation lösen könnte.

2) Die zweite email (auch vom 30. März) stellt die Antwort des Geschäftsführers der BAPP auf diese Vorschläge dar.

3) In der dritten email (vom 31. März, hier ganz oben) reagiere ich auf die Ausführungen des Geschäftsführers.

Nachtrag: Die BAPP hat einige Wochen später ihre Meinung doch verändert, aber nicht ihre Einstellung zur Freiheit des Wortes: http://jerzy-mackow.blogspot.de/2015/07/die-bapp-und-die-freiheit-des-wortes.html


Lieber Herr Dr. Berger,

ich bedanke mich sehr für Ihre ausführliche und offene email.
Als ich vor knapp einem Jahr im Rahmen meines BAPP-Projekts in der APuZ einen Essay über den Majdan veröffentlicht habe, haben Sie mir dazu noch gratuliert, obwohl er im gleichen "einseitig" freiheitlichen Duktus verfasst war wie meine "Abschlusspublikation", die sie nun ablehnen. Den inhaltlich zentralen Absatz des Essays habe ich sogar in die besagte "Publikation" aufgenommen, in der ich zeige, dass die Ukraine-Krise weder am Verhandlungstisch noch militärisch gelöst werden kann. Sie wird uns noch sehr lange begleiten, bis Russland in einer neuen smuta ankommt, in die es von Putin konsequent geführt wird. Die BAPP schlug mir übrigens nachweislich u.a. vor, jene Passagen meines Textes, in denen ich dem Leser erkläre, was "smuta" und die "russkij mir" bedeuten, zu streichen...

Ich finde es trotz all dieser eigentlich himmelschreienden Ignoranz sehr anständig von Ihnen, dass Sie nicht mehr vorgeben, Sie würden an der Länge des von mir erstellten Textes Anstoß nehmen. Sie geben zu, dass ihnen dessen politische Ausrichtung nicht gefällt. Ich kann damit sehr gut leben, dass Sie meinen Text insofern nicht als "sachlich" erachten. Sachlichkeit ist die Frage der Kompetenz. Ich gebe offen zu, dass ich Ihr Niveau der Ukraine- und Russland-Kompetenz sehr gern verfehle.

In gewisser Weise beruht die Unversöhnlichkeit unserer Positionen jedoch auf Ihrem Missverständnis des Politischen in einer freien Gesellschaft. Diese akzeptiert nämlich die politische Vielfalt. Ich erkläre es Ihnen mit einem einfachen Beispiel, das Russland betrifft: Mein politisches Russland das ist Russland Lew Gudkows (erinnern Sie sich noch an ihn bei der ersten Veranstaltung meines Projekts?) oder Boris Nemzows bzw. Lilia Schewzowas. Dieses meine Russland ist politisch so weit von Ihrem Russland entfernt wie Ihr politisches Deutschland von meinem. Selbstverständlich mache ich Ihnen wegen dieser Entfernung in einer freien Gesellschaft keine Vorwürfe. Sie sind hierzulande doch ebenso wenig dazu verpflichtet, Ahnung über Russland oder Lilia Schewzowa zu haben, wie ich über, sagen wir, Zentralafrika. Aber gerade deshalb ist es, lieber Herr Dr. Berger, voreilig und verkürzt, dass Sie meine Ausführungen im besagten Text "Russland-feindlich" nennen. Denn Ihr Russland (oder eher: Ihre vage Vorstellung davon) ist nicht das alleinige Russland. Lew Gudkow und  meine anderen russischen Freunde, die allesamt unter dem gegenwärtigen verbrecherischen Regime der Russländischen Föderation leiden, sind auch Russland. Nicht erst seit Februar dieses Jahres werden Menschen diesen Schlages in ihrem eigenen Land auf offener Straße erschossen. In der Propaganda des Putinschen Regimes werden sie auch als "Russland-feindlich" diffamiert.

Trotz der gravierenden politischen Unterschiede im Verständnis Russlands und der Politik müssen wir miteinander auskommen, ohne präventive Zensur auszuüben. Diese meinen Sie doch, wenn sie von Versuchen schreiben, mich "zu einer Veränderung ...[meines] Ansatzes für die Publikation zu bewegen". Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich mit meiner Erfahrung eines sowjetsozialistischen Systems die Zensur zutiefst verachte, weshalb Ihr zuletzt offenes Eingeständnis, Sie würden die mir von der BAPP in Auftrag gegebene Publikation aus politischen Gründen ablehnen, Respekt verdient. Dadurch bekomme ich übrigens die Chance, meinen Text in einem seriösen Verlag zu veröffentlichen. So können wir in einer freien Gesellschaft getrennte Wege gehen, ohne Respekt füreinander zu verlieren.


Mit freundlichen Grüßen

JM

 

>>> Boris Berger <boris.berger@gmx.de> 30.03.15 15.01 Uhr >>>


Sehr geehrter Herr Professor Mackow,

nach Lektüre Ihres Textes, aufgrund der Email von ... [ihrem Mitarbeiter] und interner Rücksprache mit dem Präsidenten [der Akademie Bodo Hombach] muss ich Ihnen mitteilen, dass wir als Bonner Akademie Ihre Publikation nicht weiter unterstützen werden. Wir sind nicht bereit, solche Texte, die politisch sehr einseitig, wissenschaftlich zumindest leicht angreifbar und sprachlich oftmals zu drastisch sind, unter dem Logo der Bonner Akademie zu veröffentlichen.

All unsere Versuche, Sie in den letzten Wochen zu einer Veränderung Ihres Ansatzes für die Publikation zu bewegen, haben leider keine Wirkung gezeigt. Wir bedauern diesen Schritt umso mehr, als wir diesen Schritt, die Verweigerung der Publikation aus sachlichen Gründen, bisher noch nicht hatten. Wir würden aber andernfalls damit das Niveau aller anderen Publikationen, die wir bisher in den letzten dreieinhalb Jahren veröffentlicht haben, deutlich unterschreiten und uns als Bonner Akademie darüberhinaus an mehreren Stellen angreifbar machen. Dazu sind wir nicht bereit.

Der von .. [Ihrem Mitarbeiter] übermittelte Vorschlag, wir sollten nur Bilder veröffentlichen mit dem Hinweis, wir hätten Ihren Text nicht veröffentlichen wollen und nur einen Bildband gewünscht, ist schlichtweg falsch. Zumal für den Außenstehenden die eigentliche Projektarbeit dann nicht mehr nachvollziehbar ist; das aber ist ja der eigentliche Sinn der Abschlusspublikation. Und es macht aus unserer Sicht schlichtweg keinen Sinn, irgendwelche Fotos mit einem Kommentar zu versehen, andere nicht, zumal wir ja immer wieder befürchten müssten, dass diese Kommentare den gleichen Inhalt hätten wie der Langtext.

So wenig wie wir uns zum Sprachrohr einseitig pro-russischer Positionen machen würden, werden wir uns zum Sprachrohr solcher einseitig Russland-feindlicher Positionen machen. Ich hatte Sie bereits mehrfach auf den sehr grenzwertigen Duktus Ihrer Emails in Bezug auf die angedachte Publikation hingewiesen und Sie mehrfach gebeten, diesen Duktus dort sowohl im Inhalt wie in der Sprache aufzugeben, da wir dies andernfalls nicht veröffentlichen könnten. Sie Zeller hatten darauf angesprochen, mehrfach "Mäßigung"zugesagt. Ich bedaure, dass Sie dazu offenkundig nicht in der Lage sind.

Ich gehe davon aus, dass Sie uns nun sehr zeitnah die noch in Ihrer Verfügung befindliche Restsumme der Projektsumme zurückerstatten werden, da diese Gelder ja vereinbarungsgemäß für die Abschlusspublikation Ihnen zugeteilt wurden und jetzt nicht dafür verwendet werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Boris Berger

Sehr geehrter Herr ...,

ich war in die Vorbereitung der Abschlusspublikation von Prof. Maćków involviert und er bat mich darum, auf Ihre letzte Email an ihn, in der Sie die Länge der Publikation bemängeln, zu antworten. Dieses Problem lässt sich leicht lösen.

Dadurch, dass der Textteil der Publikation der schriftlichen Längenvorgabe von 60 bis 70 Seiten von Herrn Dr. Berger entspricht und in diesem bewusst kein Bezug auf den Bilderteil genommen wurde, kann dieser auch einzeln veröffentlicht werden.  Auch wenn Prof. Maćków es sehr bedauern würde, wäre er damit einverstanden. Die von Ihnen vorgeschlagenen Kürzungen (OT Prof. Dr. Maćków: „completely insane“) wären somit hinfällig. Wenn erwünscht, kann Prof. Maćków noch eine Quellen- und Literaturliste erstellen. Möglich wäre auch die Einfügung des gesamten wissenschaftlichen Apparates. All diese Ergänzungen würden keine Überschreitung der Längenvorgabe nach sich ziehen.

Falls die BAPP den bestehenden Textteil nicht veröffentlichen möchte, wäre Prof. Maćków unter Umständen dazu bereit, für die Abschlusspublikation den Bilderteil anzubieten. Auch dieser überschreitet die ungefähre Längenvorgabe nicht. Dazu müsste Prof. Maćków allerdings noch vereinzelt Kommentare zu den Fotos ergänzen. Den Bildern müsste eine Karte der Ukraine vorangestellt werden. Darüber hinaus bestünde Prof. Maćków auf einen Vermerk der BAPP in der Veröffentlichung, der ausdrücklich darauf hinweist, dass die BAPP den Autor gebeten habe, einen Bilderband zu erstellen.

In jeder Variante käme ein knapp gehaltenes (maximal eine Seite) Vorwort hinzu. Copyrights für die Fotos würden beim Autor bleiben. Die Druckfahnen würden ihm zur Überprüfung vor der Veröffentlichung zugeschickt werden.

Bitte teilen Sie mir die Entscheidung der BAPP möglichst vor Ostern mit, da ich mich nach Semesterbeginn intensiv meiner Masterarbeit widmen muss und vorher mit dem Forschungsprojekt abgeschlossen haben möchte.

Mit freundlichen Grüßen