06.04.2021

Jan Mayer: Unsere Chefin und wir

  


 

Vor Jahrzehnten, als noch in jedem Büro ein Faxgerät und ein Computer mit einem winzigen Monitor standen und niemand das Wort „Pandemie“ kannte, kam sie zu unserem Unternehmen. Ihr kleiner Betrieb ging als Teil einer untergegangenen Holdingmasse bankrott und deshalb samt seinen Beschäftigten zu uns. Wir freuten uns alle, zusammen zu sein.

 

Ihr erster Betrieb war seltsam. Obwohl er für schlechte Arbeitsorganisation, Produkte minderer Qualität und niedrige Löhne bekannt war, mussten alle Beschäftigten erzählen, dass sie sehr zufrieden sind. Selbst Kinder durften über die Arbeitsstätte ihrer Eltern nur Gutes sagen. Ihr gefiel es offenbar, sonst hätte sie sich nicht freiwillig zu einem langen Praktikum in der Holding-Zentrale gemeldet, die für die Merkwürdigkeiten ihres Betriebs verantwortlich war. Den Praktikanten sagte man Kontakte mit dem Komitee für Information, das in der Holding für Disziplin sorgte, nach.

 

Ihr gefiel es auch im neuen Unternehmen. Unser Chef fand sie niedlich und förderte sie. Er störte sich nicht an ihren Haaren und Kleidern, die so unordentlich blieben wie in der Zeit, als sie noch in der alten Firma gearbeitet hatte. Vielmehr gefiel es ihm, dass sie sich wie kein anderer Neuankömmling die wichtigen Regeln ihres neuen Betriebs angeeignet hatte: Beim Sprechen solle darauf geachtet werden, dass sich niemand verletzt fühlt und alle zufrieden sind.

 

Sie erntete Lob, wollte aber mehr – nach oben. Anpassungsfähig und fleißig, wartete sie geduldig ihren Augenblick ab.

 

Dieser kam schneller als erwartet. Als bekannt wurde, dass der Chef jahrzehntelang Bestechungsgelder entgegengenommen hatte, fand nur sie den Mut, ihn öffentlich herauszufordern. Alle Beschäftigten waren beeindruckt, als sie von ihr hörten: „Und ich sage, dass wir das System des Chefs abschaffen müssen“. Der Betrieb schien wie von einer frischen Brise gelüftet und sie wurde zum neuen Chef.

 

Klug oder schlau (der Unterschied spielt in unserer Firma keine Rolle) wie sie ist, ging sie zum guten Friseur und ließ sich auch endlich in der Kleiderauswahl beraten. Ihr neues, zurückhaltendes Outfit kam in unserem Unternehmen, in dem auf Äußerlichkeiten sehr geachtet wird, an. Schnell verstand sie zudem, dass der Chef ein Markenzeichen haben sollte. Sie hielt daher ihre Hände auf der Bauchhöhe und positionierte die Finger so, dass sie die Umrisse vom Herz bildeten. Unseren Beschäftigten, die sich außer einem Auslandsurlaub nichts so sehnlichst wie unbekümmertes Leben und Liebe wünschen, gefiel das ungemein.

 

Für die dauerhafte Unterstützung im Unternehmen musste sie sich jedoch einiges einfallen lassen. Und sie war erfinderisch. 

 

Beispielsweise übermittelte sie jeden Tag eine kleine gute Nachricht. Sie vergaß niemals, dabei ihre Finger zum Herz zusammenzulegen. Da die allermeisten Angestellten bei uns die Obrigkeit respektieren, stellte sich bei ihnen ein Reflex ein: Wenn die Chefin nur ihre Hände vor ihrem Bauch hielt, fühlten sie sich bei ihr gut aufgehoben. 

 

Sie entwickelte ihre eigenen Methoden im Umgang mit Gegnern im Betrieb. Die Gefährlichen trieb sie dazu, zu gehen. Den Übrigen bot sie große Posten und kollegiale Führung (in unserem Unternehmen wird in diesem Zusammenhang von „Groko“ gesprochen) an und übernahm bedenkenlos ihre Geschäftsideen, mögen diese noch so dumm gewesen sein. Die Angestellten in der Abteilung für Öffentlichkeit und Richtigstellung (ÖR) lobten sie deshalb als offen und innovativ. 

 

Anders als ihr Vorgänger, der sich mit dieser Abteilung, in der es von narzisstischen Wirrköpfen nur so wimmelt, oft angelegt hatte, hörte die Chefin auf die schlecht ausgebildeten Wichtigtuer. Sie fühlten sich dann noch wichtiger und standen geschlossen hinter ihr. Wenn jemand ihre Entscheidungen kritisierte, schimpften sie ihn „Narr-Zicke“ („Nazi“). 

 

Vor einiger Zeit, als aufgebrachte Arbeitslose unsere Firma stürmten, verfiel die Chefin in Panik. Sie beruhigte sich jedoch, als ihr berichtet wurde, dass sich in der ÖR Stimmung für eine „humanitäre Aktion“ breit gemacht hatte. Sie rief uns dann „Wir können es schaffen!“ zu. Anschließend ließ sie Betriebstore öffnen und stellte die Arbeitslosen an, obwohl die meisten von ihnen keine Berufsqualifikation mitbrachten. 

 

In der ÖR-Abteilung fühlten sich Leute geschmeichelt und lobten die Chefin und ihre Anhänger als Gutmenschen, die für andere Firmen vorbildhaft seien. Trotzdem ist seitdem in der Firma eine gewisse Unruhe spürbar. Viele Beschäftigte vermuten nämlich zu Recht, dass die Neuanstellungen in einer für große Unternehmen guten Geschäftszeit erfolgten. Sie machen sich Sorgen über die Zukunft, wenn schlechte Konjunktur kommt.

 

Den meisten Beschäftigten sehen aber über alle Gefahren hinweg, auch darüber, dass in unserem Unternehmen bis heute Faxgeräte benutzt werden, Internet immer wieder zusammenbricht und Lieferungen chronisch verspätet eintreffen. Auf das gesunkene Leistungsniveau angesprochen, antworten sie gemäß ihren eigenen Wunschvorstellungen, dass die Lage in anderen Firmen noch schlimmer sei. 

 

Obwohl die meisten immer noch glauben wollen, dass die Chefin weiterhin alles unter Kontrolle hat, lassen ihre zum Herz zusammengesetzten Finger keine Gefühle der Geborgenheit mehr aufkommen und ihre Ansprachen werden zunehmend als das erkannt, was sie immer schon waren: das inhaltslose Gelaber. Sogar die ÖR-Angestellten beginnen sich von ihr zu distanzieren. Einige sollen dabei sein, Informationen über ihr Praktikum in der verschwundenen Holdingszentrale vor Jahrzehnten zu sammeln. Als ein seniler, trottliger Angestellter der ÖR forderte, dass sie der Firma noch zumindest vier weitere Jahre erhalten bleiben sollte, rief das nicht Mal müdes Lächeln hervor.

 

Die Chefin wird zunehmend mit Kritik konfrontiert. Diese hat aber einen irgendwie faden Beigeschmack... 


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11.02.2021

Die russische Covid 19- Impfung Sputnik

Der russische "Sputnik" hat sich offenbar als eine viel bessere Impfung erwiesen als es im Westen - der in seiner dämlich-tödlichen Selbstgefälligkeit heutzutage nicht zu überbieten ist - dargestellt wurde. Russland hat aber wenig davon. Dazu hat Putin beigetragen, indem er im Herbst letzten Jahres das noch nicht erprobte, nirgendwo zugelassene Produkt für gebrauchsfähig erklärte. Der Propaganda-Trottel wollte bloß als der Erste erscheinen, der der Welt die Impfung zur Verfügung gestellt hatte. Damit hat der guten Sache einen irreparablen Schaden zugefügt.

Das Debakel mit den deutschen und amerikanischen Firmen, von der deutschen und der EU-Politik in der Impfung-Sache ganz zu schweigen, hätte die russische Impfung problemlos zum Weltschlager machen können.

Das ist nur eines der unzähligen Beispiele, die zeigen, wie das Putin-System Russland schadet.

Die meisten Russen wollen aber Putin, am meisten wollten sie ihn, als er die Ukraine überfiel. Sie haben also die Regierung, die sie verdienen.

 

09.02.2021

Der Mann für Geschichtsbücher

 

Gestern habe ich telefoniert mit einem Freund, einem Universitätsprofessor aus Polen. Ein lieber, fleißiger und in seinem Beruf wirklich guter Mann, gehört er politisch jenen Polen an, die anschaulich demonstrieren, was aus der polnischen inteligencja nach dem Kommunismus werden kann, wenn sie Adam Michnik und seinem Hetzblatt „Wyborcza“ und den verlogenen amerikanischen sowie deutschen Medien schutzlos ausgeliefert wird. Gestern hat er mich etwa darüber belehrt, dass Jarosław Kaczyński, der für seine judenfreundliche Haltung bekannt ist, dazu taugen würde, Holocaust durchzuführen. Wenn ich bei polnischen Freunden und Bekannten solchen Schaden durch die besagten Medien vernehme, reagiere ich mit: "Du hast kein Gehirn" und gehe resigniert zum nächsten Thema über. Normalerweise werde ich dann wieder mit Stuss konfrontiert. Gestern hat sich aber diese Taktik wider Erwarten gelohnt.

Denn im Gespräch über aktuelle Vorgänge erwähnte mein Freund beiläufig einen Artikel der FAZ über Jarosław Gowin, einen Politiker, der im April-Mai 2020 dafür gesorgt hatte, dass  die letzten Präsidentschaftswahlen in Polen nicht als Briefwahlen und nicht zu dem von der Verfassung vorgeschriebenen Termin stattfanden. Die FAZ soll, so mein Freund, Gowin im vergangenen Jahr den "Mann für Geschichtsbücher" genannt haben.

Ich wollte es nicht glauben, weil ich ungerne meine lieb gewonnenen Vorstellungen revidiere: Die FAZ sei zwar opportunistisch, steif und oft nicht gerade gescheit (da gibt es zum Beispiel einen alten Mann, der schreibt, dass Angela Merkel auch nach Herbst d.J. weiterregieren sollte), aber all das hielte sich noch in Grenzen, etwa verglichen mit der „Süddeutschen“ oder der „Handelsblatt“. Und Gowin sei doch bisher in der Politik ausschließlich durch sein ungebändigtes Ego aufgefallen. Gowin wolle doch nur Premierminister werden, obwohl seine politische Gruppierung im polnischen Sejm so, wenn ich mich richtig erinnere,  zwei Dutzend Abgeordnete von 460 hat. Zuständig für kleine Gerichtsreform unter der Tusk-Regierung und zuständig für Hochschulreform unter der Kaczyński-Regierung hat er immer dafür sorgen können, dass er sichtbar wurde. In der Sache getan hat er nichts.

Jetzt habe ich gegoogelt und es stimmt... Der Korrespondent  der FAZ hat in Gowin tatsächlich den Mann der Vorsehung erkannt. Lesen Sie unten. 

https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/polen-jaroslaw-gowin-ein-mann-fuer-die-geschichtsbuecher-16762491.html

Aha... noch zum Schluss. Jarosław Gowin hat aktuell politische Probleme. Es hat sich herausgestellt, dass er seit 2015 kein Mandat als Vorsitzender seiner "Partei" "Verständigung" (nebenbei: guter Name, einfallsreich) hat. Beim "Kongress" seiner "Partei" im Jahre 2015 hat man nämlich... vergessen, den Vorsitzenden zu wählen.

Der Journalist und der Parteivorsitzende sollten zusammen Bier trinken gehen, oder?

 

 

05.02.2021

Das Wendejahr 2021: Die alte Bundesrepublik ist tot

Ende Dezember 2020 erklärte Angela Merkel, sie hätte die Neujahrsansprache zum letzten Mal gehalten. Obwohl nicht ganz ausgeschlossen werden kann, dass sie uns trotzdem doch noch zur Begrüßung des Jahres 2022 erhalten bleiben wird, ist die deutsche Demokratie, so wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg existiert hatte, in ihrer Regierungszeit zu Ende gegangen. Denn Demokratie braucht Ordnung und Freiheit. Während der Rechtsstaat nach wie vor für Ordnung sorgt, kränkelt in Deutschland der Wettbewerb. Nicht zuletzt wegen des Zustandes der politischen Parteien wird die deutsche Demokratie in diesem Jahr einen Neubeginn wagen müssen.

In der alten Bundesrepublik sorgten die politischen Hauptgegner – die SPD und die CDU – für einen gesunden Wettbewerb. Obwohl der politische Streit hierzulande traditionell unbeliebt ist, gewöhnten sich die Deutschen an ihn. Das nationalsozialistische („Ein Volk, ein Reich, ein Führer“) und das kommunistische („Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“) Einheitsgebot wich der Konkurrenz der politischen Gegner aus, die unter Einhaltung rechtlicher Normen und (meistens) guten Sitten sowohl um die Durchsetzung ihrer Interessen als auch um das Gemeinwohl rangen.

In diesem Jahrtausend verdrängte allerdings eine künstlich hergestellte Einheitlichkeit den Wettbewerb, was eine tiefe Spaltung der Deutschen nach sich zog. Nachdem die CDU und die SPD ihre ideellen Grundlagen aufgegeben hatten, setzten sie auf die deutsche Sehnsucht nach einer parteiübergreifenden Führung, die in den Regierungen der Großen Koalition ihre Verwirklichung fand. Die einstigen Trägerinnen des politischen Wettbewerbs vermitteln seitdem den Eindruck, in Wahlkampfzeiten Konkurrenz bloß vorzutäuschen, um anschließend in eine Regierung einzutreten, die vom Geist des Opportunismus beseelt ist. Der gewaltige Glaubwürdigkeitsverlust ist die Folge. Heutzutage schöpft die Bunderegierung so gut wie ausschließlich von der Pandemie. Große Krisen bieten jeder politischen Führung Chancen, ihre angeschlagene Macht zu festigen.

Im gerade begonnenen Jahr der Landtags- und Bundestagswahlen ist freilich zu erwarten, dass Deutschland die Pandemie Schritt für Schritt bekämpfen wird. Politische Erschütterungen sind deshalb vorprogrammiert. Ein katastrophales Abrutschen der SPD in der Wählergunst und langsamer fortschreitende Stimmenverluste der CDU sowie innerparteiliche Spannungen scheinen unausweichlich. In einer Demokratie mit intaktem Wettbewerb würde man unter diesen Bedingungen Siege der Oppositionsparteien erwarten, die sich der von der abgewählten Regierung hinterlassenen Probleme annehmen. Nicht so in der Bundesrepublik, wo der politische Wettbewerb krank ist.

Ob die FDP zu den Profiteuren des Wahljahres gehören wird, ist deshalb ungewiss, weil sie ihre Probleme damit hat, zu den Regierungsparteien in Konkurrenz zu treten. Jedenfalls hat sie nicht den Mut aufgebracht, sich im ersten Pandemiejahr von der Regierung abzusetzen und eine Opposition abzugeben.

Das gilt auch für die Grünen, die heute trotzdem bessere Chancen als die FDP haben, von der besonderen Lage zu profitieren. Sie scheinen von allen deutschen Parteien in der Wählergunst am besten dazustehen. Nicht nur ihr großes Wählerpotenzial – ca. ein Viertel der aktiven Wahlberechtigten – macht es ihnen möglich, Regierungsbeteiligung anzustreben. In dieser Partei fokussiert sich gleichsam der in der Gesellschaft ausufernde Realitätsverlust, für den die Popularität von Greta Thunberg mit ihrer Behauptung symptomatisch ist, der baldige Weltuntergang stünde bevor. Die grüne Agenda ist längst zum Programm der Bundesregierung geworden, die wie wohl keine andere die hehren Klima-Ziele konsequent verkündet (um in der Praxis der Wirtschaft immer nachzugeben).

Anders als mit den Grünen verhält es sich mit der eindeutigen Opposition – der AfD –, die von allen anderen Parteien für nicht koalitionswürdig erklärt worden ist. Es ist davon auszugehen, dass sich daran nichts ändern würde, wenn sie ihr Wählerpotenzial, das den Grünen und der CDU ähnlich sein dürfte, bei den Bundestagswahlen ausschöpfte. Dabei ruft ihre Putin-Affinität nur bei den Grünen eine echte Abneigung hervor, während die CDU/CSU, die SPD, die FDP, von der Linken ganz zu schweigen, das europäische Hauptprojekt des Kriminellen im Kreml – den Nord Stream II – mittragen (das gilt ungeachtet dessen, dass die FDP augenblicklich mit dem Moratorium auf die Herstellung der Pipeline „droht“). Ausschließlich der rechtsextreme Flügel, den die AfD neben der biederen Masse ihrer Anhänger beherbergt, macht den etablierten Parteien die scharfe Abgrenzung möglich. Die Existenz der „faschistischen AfD“ schweißt sie an der Macht bzw. auf dem Weg zur Macht zusammen.

Unter diesen Umständen scheint es nicht viele Optionen für eine Regierung nach Merkel zu geben. Der Zusammenschluss der Grünen mit der SPD ist unwahrscheinlich, weil die letztgenannte als Juniorpartner hoffnungslos schwach ist. Auch würde die in der aktuellen Legislaturperiode nur noch dem Namen nach „Große“ Koalition diesmal die Regierungsbildung verfehlen. Unsicher ist schließlich, ob eine Jamaika-Koalition als Regierungsbasis ausreichte.

Vor dem Gesamthintergrund der Wahlarithmetik, des um sich greifenden Realitätsverlusts und des Opportunismus der Parteien bietet sich heutzutage die grün-schwarze Regierungskoalition als die wahrscheinlichste Option nach den Bundestagswahlen im Herbst an. Da jedoch heute niemand wissen kann, wie die Wahlergebnisse ausfallen werden, ist nur eines sicher: Jede Regierungsvariante ohne die AfD würde die während der Pandemie nur verborgene politische Spaltung des Landes ans Tageslicht befördern. Denn kein Naturereignis kann den in Jahrzehnten redlich erarbeiteten Glaubwürdigkeitsverlust rückgängig machen.

Ist es folglich wünschenswert, dass die AfD in die Regierung kommt, damit die dramatische Polarisierung beseitigt, der gesunde Wettbewerb wiederbelebt, der Realitätsverlust behoben und die alte Bundesrepublik doch noch gerettet werden könnten?

Dafür ist es zu spät. Selbstverständlich würde jede Regierung mit der AfD die Glaubwürdigkeit der politischen Parteien weiterhin unterminieren und die politische Spaltung des Landes vertiefen.

Hätte die CDU in den vergangenen Jahrzehnen den Versuch unternommen, ihre Wähler zu halten, dann hätte sie die Chance für die Fortsetzung der alten Bundesrepublik in der neuen Ära gerettet. Statt auf die enttäuschten Konservativen zuzugehen, entschied sie sich jedoch für ein Bündnis mit der SPD und für den Verzicht auf christlich-demokratische Werte. Somit hat sie nicht nur das eigene Verbleiben an der Macht gesichert, sondern auch die Festigung der AfD bewirkt. Ganz beiläufig hat sie die SPD mitvernichtet, indem sie sich auf der Koalitionsbank in die Mitte gesetzt hat, um anschließend Schritt für Schritt ihren Partner von seinem Platz auf der linken Seite wegzuschieben.

Die CDU hat den größten Anteil am kranken Wettbewerb, an der Stärke der AfD und am Neubeginn mit unsicherem Ende, den in diesem Jahr die Bundesrepublik wird wagen müssen.

28.01.2021

Demokratie in der EU?


Wenn die EU eine Demokratie wäre, würde das EU-Parlament jetzt über das aktuelle Fiasko mit Impfungen debattieren. Die Forderung nach dem Rücktritt der Kommission wären laut, Abstimmung darüber unausweichlich.

Dass die EU-Europäer diese Debatte, diese Forderungen und diese Abstimmung nicht vermissen, spricht Bände über die Gegenwart und - leider auch - die Zukunft der Union.

 

04.01.2021

Pandemie im Postkommunismus

Nach 1956 haben die Kommunisten im Ostblock ihre Sicherheit gewonnen. Dank der so genannten Entstalinisierung wurden sie nicht mehr umgebracht, wenn sie im politischen Kampf verloren haben. 

Sie genossen ihre neue Sicherheit. Aber nicht nur das. Sie haben im Nu den Staat zu ihrem eigenen umfunktioniert, so dass sie sich dessen scheinbar unbegrenzter Macht bedienten, und zwar auf allen Ebenen: als lokale Funktionäre auf der Kreis-Ebene, als Provinzfürsten in einer Region oder als Bonzen im Politbüro und im Sekretariat des Zentralkomitees ihrer Partei. Sie sprachen sich darüber ab, wie sie "ihre" Datschen und "ihre" Wohnungen untereinander verteilen würden, sie hatten "ihre" besseren Ärzte in "ihren" besser ausgestatteten Krankenhäusern, sie besuchten "ihre" gut versorgten Geschäfte, sie bekamen "ihre" Reisepässe, sie spannten "ihre" Richter und "ihre" Staatsanwälte ein, wenn (diesmal ohne Anführungsstriche) ihre Kinder betrunken einen Autounfall gebaut oder jemanden zusammengeschlagen haben, usw. Die kommunistischen Funktionäre hatten alles, was die normalen Untertanen entbehrten, plus die Sicherheit, die ihnen der vereinnahmte Staat gab.


Entsprechend war ihre Mentalität des chronischen und selbstverständlichen Eigennutzes. Sie färbte leider auf die Untertanen ab. Diese haben sich im Laufe der Jahrzehnte an das System, in dem die Machtstellung über die soziale Position im Gefüge "der unseren" Privilegien entschied, gewöhnt. Unter den Untertanen passten sich übrigens die oft parteilosen Schauspieler, Schriftsteller, Regisseure, bekannte Sportler und andere Prominente am schnellsten an. Die Kommunisten ließen sie um den Zugang zu den Privilegien bitten und öffneten ihnen oft die Tore der Regierungskliniken sowie gewährten Ihnen Reisen "ins kapitalistische Ausland". In Massengesellschaften tragen doch die angepassten Prominenten zuweilen entscheidend zur Staatslegitimation bei, egal ob es sich um ein demokratisches oder totalitäres System handelt. 


Heute wollen wenig gescheite Menschen ebenso wie chronische Lügner glauben und andere glauben lassen, dass das hier skizzierte System und die von ihm produzierte Mentalität in den Jahren 1989-1991 einfach verschwunden sind. Lächerlich... 


Es gibt im ehemaligen Ostblock zwar keine Kommunisten mehr an der Macht, aber es gibt durchaus "unsere" Sicherheit, "unsere" Staatsanwälte, "unsere" Richter und "unseren" Zugang zu den begehrten Gütern: zu den Bankkrediten, zu den gefälligen Entscheidungen der Staatsbeamten und - in der letzten Zeit - zu den Coronavirus-Impfungen. 


Was das letztgenannte Gut angeht, so lassen beispielsweise die neuen Besitzer von Russland, die die Sowjetunion und das kommunistische System öffentlich und offiziell zu einem leider verschwundenen Paradies verklären, für sich Impfungen aus dem Westen einfliegen, während sie dem Volk das ungeprüfte, nirgendwo sonst in der Welt zugelassene einheimische Zeug verpassen.


Aber auch in den Ländern, die sich lautstark von der kommunistischen Ära distanziert haben, und nicht zuletzt deshalb in die moralisch erhabene freiheitliche Familie der wohlhabenden und ungeheuer aufrichtigen Europäer (die bekanntlich ihre hehren Werte besitzen) aufgenommen worden sind, zeigen sich die Kräfte und die Mentalitäten der scheinbar längst überwundenen Ordnung. Wie in den letzten Tagen in Polen. 


Darüber werden Sie wahrscheinlich nichts (oder zumindest nicht die Wahrheit) erfahren können.


In Warschau, an einer medizinischen Universität geschah etwas Besonderes. Mehrere Dutzend Prominente (150 samt Familien)- darunter ein großer Schauspieler mit seinem so 35-jährigen Töchterlein, ein ehemaliger Premierminister, der Chef einer sehr aufgeklärt-demokratisch-proeuropäischen Fernsehstation, ein leider seit Jahrzehnten nicht mehr lustiger Satiriker und andere sehr wichtige und lustige Menschen - haben sich noch im Dezember gegen Covid-19 impfen lassen. Warum ist das verwunderlich? Weil in Polen, wo wegen Covid Dutzende Ärzte und hunderte Krankenschwester gestorben sind, augenblicklich ausschließlich das medizinische Personal geimpft werden darf. 


Die Dümmsten der "an der Warteschlange vorbei" Geimpften (eine bekannte Schauspielerin und ein ehemaliger - dazu noch im Wortsinne "postkommunistischer" - Regierungschef können  dumm wie ein Paar Schuhe sein) haben sogar auf Twitter mit ihren Impfungen geprotzt. So wurde die Angelegenheit bekannt.


Dieser Sachverhalt lehrt uns Banales: Es ist in jedem postkommunistischen Land relativ einfach, freie Wahlen durchzuführen. Es ist aber nicht möglich, binnen dreißig Jahre die Mentalität abzulegen, die sich in Generationen eingestellt hatte. 


Warum ist davon auszugehen, dass Sie in den freiheitlich-demokratischen Medien der Bundesrepublik über den polnischen Skandal nichts oder bloß Unwahrheit erfahren werden? Auf diese Frage gibt es zwei einander ergänzende Antworten:


Erstens: Fast alle regelwidrig geimpften Prominenten gehören zu den wildesten (es gibt wirklich kein zutreffenderes Wort in diesem Zusammenhang) politischen Feinden der PiS. Zweitens: diese Prominenten werden von den deutschen Journalisten sehr gemocht, die über Polen regelmäßig schreiben. 


Die deutschen Journalisten sind bekanntlich auf ihre Art und Weise (die mit dem Liberalismus kaum etwas zu tun hat) sehr, sehr liberal, und deshalb mögen sie die liberalen polnischen Prominenten. Sie sind von den polnischen National-Konservativen regelrecht angewidert, so stark kämpfen die deutsch-liberalen Journalisten für Meinungsfreiheit und europäische Werte (in anderen Ländern). Sie kämpfen gegen die pöse, pöse PiS, weil diese sie für verlogene deutsche Chauvinisten hält.


Anders als man in Deutschland zu glauben geneigt ist, reicht die "national-konservative" Gesinnung offenbar nicht aus, um aufzuhören, "liberal" zu sein. Inzwischen sind nämlich zwei Fälle der lokalen PiS-Funktionäre bekannt, die sich "an der Warteschlange vorbei" haben impfen lassen. Der eine ist sofort aus der Partei rausgeflogen. Es ist davon auszugehen, dass es auch mit dem zweiten so geschehen wird. Die wirklich liberalen und prominenten Regelbrecher übertreffen sich dagegen im Augenblick darin, Erklärungen abzugeben (dem pösen Trump ähnlich - nur auf Twitter), dass sie sich nicht von einer Schauspieler-Kollegin zur schnellen Impfung hätten zusammenrufen lassen, sondern in die ganze Sache versehentlich gerieten, ja vielleicht sogar hinein manipuliert worden seien.


Jarosław Kaczyński hat immer gesagt, dass er in Polen den "Postkommunismus" ausrotten will. Wie traurig es klingen mag: Er wird es zu seinen Lebzeiten nicht schaffen (sicher nicht mit der Unterstützung der deutschen Journalisten), aber Gott stehe ihm trotzdem bei.