31.01.2022

Wer ist Jan Mayer?

Jan Mayer, der den Roman "Die Glaskugel" geschrieben hat, ist ein freischaffender Autor. Fast immer unter anderen Namen publizierte er,  meistens über politische Themen, sowohl in den Zeitungen wie "Die Zeit". "Die Welt", "Frankfurter Rundschau", "FAZ", "Sächsische Zeitung" u.a. als auch in den bekannten Internet-Medien wie "Tichy's Einblick" und "reitschuster.de".



Rezension zum Roman "Die Glaskugel" von reitschuster.de


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25.01.2022

Ist Deutschland noch im Westen verankert?


Da von "Die Welt" wortlos abgelehnt, hier und bei Reitschuster.de veröffentlicht:


Im Kalten Krieg war in der Bundesrepublik ein schwieriges, fremdsprachig anmutendes Wort erstaunlich gut bekannt: „Äquidistanz“. Es bedeutet so etwas wie „der gleiche Abstand“. Die Westdeutschen benutzten es oft, um zu bekräftigen, dass ihr Staat niemals die „Äquidistanz“ im Verhältnis zum Kreml und zum Weißen Haus anstreben wird.

Dabei versuchte Moskau in den letzten Jahren Stalins, das demokratische Deutschland mit dem Versprechen der Wiedervereinigung vom Westen zu lösen. Später trachtete der Kreml danach, die Westbindung der Bundesrepublik mit den Vorteilen der engen, nicht zuletzt wirtschaftlichen Zusammenarbeit (Gaslieferungen!) zu lockern. Trotz aller Schwankungen, für die besonders die SPD anfällig war, begriffen damals die meisten Westdeutschen, dass der Kreml sie als nützliche Idioten instrumentalisieren wollte, um die USA aus Europa zu verdrängen. Deshalb reagierte das „beste Deutschland aller Zeiten“, das von seiner Westbindung extrem profitierte, auf die sowjetischen Verlockungen stets mit dem Ruf: „Keine Äquidistanz! Wir sind fest im Westen verankert!“

Die meisten Europäer, von den Amerikanern ganz zu schweigen, hörten das gern. Hatte man nicht früher in Deutschland immer wieder die Meinung vernommen, dem Land würde es am besten gehen, wenn es mit Russland einen Ausgleich findet, sei es auf Kosten anderer? Waren Preußen und Deutschland mit dieser Ansicht nicht gut gefahren? Die Allianz des „Großen Fritz“ mit Russland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beim Raub am polnischen Staat hatte doch große Beute erbracht: es seien nur Danzig und Großpolen mit Posen erwähnt. Die alles in allem russlandfreundliche Ära Bismarck war in die deutsche Geschichte als die Zeit des zunehmenden Wohlstands und der Stärke eingegangen. Den Amerikanern konnte zudem nicht entgangen sein, dass das mit Moskau zusammenarbeitende Deutschland, etwa in der Weimarer Republik oder in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes, antiamerikanisch eingestellt gewesen war. Vor diesem historischen Hintergrund stellte der atlantisch, westlich ausgerichtete deutsche Staat eine Art willkommenes Wunder dar.

Obwohl sich die aufmerksamen Beobachter über die erste Nord Stream-Pipeline und die legere Instrumentalisierung des Antiamerikanismus im Wahlkampf durch Gerhard Schröder wunderten, schien die Wiedervereinigung die Westbindung der Bundesrepublik nicht tangiert zu haben. George W. Bush bot deshalb dem von Angela Merkel angeführten Deutschland das „partnership in leadership“ an.

Mit dem kontinuierlichen Aufstieg Chinas und der Schwächung der USA testete sich die Bundesrepublik zwar immer unbefangener als die „Führungsmacht“ der EU, jedoch immer weniger als der Partner der USA. Es ignorierte das Unverständnis der Vereinigten Staaten für die sträfliche Unterfinanzierung der Bundeswehr, die amerikanische Kritik an Nord Stream 2, den Ärger des Weißen Hauses über das Handelsabkommen mit China und Washingtons Verwunderung über die eklatante Missachtung der vitalsten Sicherheitsinteressen der Ukraine nach dem russländischen Überfall im Jahre 2014.

So kam es dazu, dass sich die inzwischen vor allem im Westpazifik engagierten Amerikaner daran gewöhnten, dass Berlin unter Angela Merkel auch ohne den nennenswerten Druck aus Russland die Verwirklichung des alten Moskauer Traumes von der Schwächung des amerikanischen Präsenz in Europa beförderte. Diese Schwächung trug wiederum zum anmaßenden Auftreten des Kreml-Regimes entscheidend bei, das innenpolitisch nicht vor Diebstahl, Lügen und Mord zurückscheut, und außenpolitisch nun von den Amerikanern die Demontage der NATO in Europa fordert, dem Minsker Satrapen beim Angriff auf die EU-Grenze den Rücken freihält und der Ukraine unumwunden mit dem Krieg droht…

Wie verhält sich die Ampel-Regierung in dieser bedrohlichen Lage?

Ganz auf den Spuren der Regierung Merkel schließt sie vorab sowohl den Verzicht auf Nord Stream 2 als auch den Waffenverkauf an die Ukraine aus. Vielmehr will sie zwischen Russland und der Ukraine vermitteln. Das läuft auf die Vermittlung zwischen Russland und den USA hinaus, die den Westen hinter der Drohung vereint sehen wollen, Russland werde im Falle des Überfalls auf die Ukraine mit nie da gewesenen Sanktionen bestraft.

Im Konflikt zwischen zwei Parteien muss der Vermittler zu diesen den gleichen Abstand halten. Wie hieß noch dieses fremdsprachig anmutende Wort…?

04.01.2022

Freiheit und Selbstgefälligkeit

Zwei Mal binnen zwei Wochen hat mich Facebook gesperrt. Zuerst wegen des Satzes: „Es ist lustig, dass die meisten (native) Deutschen Hoffnungen mit der neuen Regierung verbinden. Wie kann man nur so naiv und politisch ... unerfahren sein“.

Der Satz ist nachzulesen auf der FB-Seite meiner Gruppe „Multiplikatoren“, auf der ich ihn nach der Sperre erneut publiziert habe, und zwar mit der Absicht, zu überprüfen, ob sich wieder ein Denunziant findet, der den Facebook über meinen „Verstoß“ informieren wird. Das ist bisher nicht geschehen.
Es hat sich aber vorgestern doch ein Zuträger gefunden, der mir eine diesmal einmonatige Sperre beschert hat, indem er beim FB einen anderen Post von mir anzeigte: „Das Kleben an Merkel ist eine typisch deutsche Methode, von eigenen Fehlern, Fehleinschätzungen, Dummheiten in ihrer Regierungszeit abzulenken. Die meisten Deutschen wollen nicht erkennen, dass sie in Vergangenheit – wie alle Menschen in der Welt, und vielleicht sogar häufiger – Fehler begingen, Fehleinschätzungen vornahmen, politisch dumm waren“.
Der FB geht also davon aus, dass derjenige, der behauptet, dass sich Bürger ihrer Verantwortung für ihre politischen Fehler und Dummheiten bewusst sein sollen, „Hassrede“ betreibt. Dabei greift der Facebook auf die Hilfe der Denunzianten zurück.
Denunzianten sind jene kleinen Bürger, über die die Polizisten hinter vorgehaltener Hand lächelnd erzählen, dass wenn sie allen an sie herangetragenen Meldungen – wegen Falschparken, Straßenüberqueren an falscher Stelle, lautem Benehmen im Park, Entsorgung eines verbrauchten Taschentuchs in einer auf der Straße stehenden privaten Mülltonne usw. – nachgehen würden, dann würden sie keine Zeit haben, sich um ihre eigentlichen Aufgaben zu kümmern. Denunzianten sind geistige Zwerge, die von ihren billigen Emotionen getrieben werden: dem Neid gegenüber Nachbarn, der ein größeres Haus als sie hat, der Wichtigtuerei, der Suche nach dem Sinn ihres leider sinnlosen Lebens…Rezension "Die Glaskugel"
Was bezwecken aber die Großen, die sich dieser bemitleidenswerten Gestalten bedienen und von der konstanten Meinungsfreiheitsreglementierung, für die Konzerne wie der Facebook sorgen, profitieren? Die Antwort mag überraschen: Sie sind dabei, eine neue Gesellschaft aufzubauen, in der Freiheit nichts zählt und die Menschen trotzdem zufrieden sind.
Eine solche Gesellschaft wird dann entstehen, wenn sich die Bürger in leicht manipulierbare Konsumenten umwandeln lassen. Dann wird ihnen gleichgültig sein, ob sie Frau oder Mann oder drittes Geschlecht genannt, ob sie mit Wahrheit oder Lüge konfrontiert, ob sie Kinder haben oder nicht haben, ob sie eigenverantwortlich oder gelenkt handeln, ob sie deutsche Sprache oder einen mit Querstrichen und Doppelpunkten voll gespickten Gender-Jargon benutzen werden. Hauptsache – sie kaufen die ihnen als wunderbar gepriesene Ware und sind glücklich damit.
Sie werden in einer Gesellschaft leben, in der man am Morgen mit autonomem Elektroauto dorthin fährt, wohin ein typischer Bürger so zu fahren hat: zur Arbeit, zur Einkaufsmeile, zum Einkaufen am Urlaubsort. Am Abend werden sie nach Hause zurückkehren, wo sie mit Hilfe elektronischer Geräte ihrem Bedürfnis nach sozialen Kontakten nachgehen werden.
Diese Bürger werden nur dann mit dieser neuen Gesellschaft zufrieden sein, wenn sie mit sich selbst zufrieden sein werden. Nur als selbstgefällige Menschen werden sie die gekauften Waren wunderbar und ihre Lebensart als lebenswert finden. Sie werden dann nicht fragen, woher denn ihr als „klimaneutral“ gepriesenes Fahrzeug Strom bezieht. Sie werden sich nicht die Frage stellen, von wem ihr „autonomes“ Auto gesteuert wird. Sie werden darauf stolz sein, dass sie im elektronischen Austausch mit anderen es verinnerlicht haben, darauf aufzupassen, mit ihren Meinungen nicht nur die Konzerne und Politik, sondern auch ihre Mitbürger nicht zu kritisieren. Wenn ihnen Solches trotzdem unterläuft, dann werden sie wegen dieser „Verstöße gegen die Regeln“ bestraft.
Nichts ist für die die Freiheit vernichtenden Profiteure dieser neuen Gesellschaft so gefährlich wie die Bürger, die selbstkritisch erkennen, dass sie sich an das unfreie Leben angepasst haben. Je weniger selbstkritisch und selbstgefälliger das Konsumentenvolk, desto manipulierbarer ist es.
Diese Gesellschaft ist selbstverständlich ein Ziel. Erreicht ist die „Schöne neue Welt“ (oder „Animal farm“?) noch nicht. Kann man sich ihr in den Weg stellen?
Augenblicklich sieht es danach nicht aus. Ich jedenfalls ziehe mich zu meinem Blog zurück – bis auch dieser von Denunzianten angezeigt und vom Provider zensiert wird.

11.12.2021

Rezension von Reitschuster.de zum Roman "Die Glaskugel"

Die Geschichte setzt im AuDie Glaskugelgust des Kriegsjahres 1942 mit einer Zugreise an, von der Passagiere lediglich wissen, dass sie irgendwann beendet sein würde. Ähnlich hört sie auf: Der deutsche Historiker Rotbart, dessen Werdegang die Entwicklungen in Deutschland, Polen, der Ukraine und Russland zum Plot des Romans gleichsam zusammenschweißt, steigt im August 2016 in den Zug ins Ungewisse ein. Für solche Reisen braucht man Hoffnung. Diese ist jedoch so brüchig wie die Glaskugel, der die aus dem Osten Europas kommenden Helden des Romans ab und zu begegnen.

Vor 1989 hätten der Westen und der Osten nicht unterschiedlicher sein können: Auf der einen Seite das biedere Glück, die Billigkeit sowie die bunt übermalte Langweile der Bundesrepublik, auf der anderen Seite die Tragik und Absurdität der zerkratzten, grauen Wirklichkeit des kommunistischen Ostens, in dem scheinbar alle vom westlichen Wohlstand und Lebensstil träumten.
Nach dem Kommunismus bestimmt im Osten Geld, wo es langgeht, und insofern ähneln sich die östlichen Lebensläufe immer mehr den westlichen. Auch im Osten baut Erfolg auf dem Verrat eigener Ideale auf. Die Karrieren des Geschichtsprofessors Rotbart und seines Intimgegners Udo Zenobius sind für diesen Lebensstil insofern symptomatisch, als beide vom Wunsch nach Bestätigung und Anerkennung getrieben werden. Der von seinem Beruf enttäuschte Rotbart übt sich in Machtspielen mit Frauen, während der Politiker Udo in der echten Machtausübung aufgeht.
Eine wichtige Message des Romans, dass Menschen nach Macht streben, weil sie zur Liebe unfähig sind, würden diejenigen am liebsten überhören, die wie Udo Zenobius daran glauben, dass die „freiheitliche Ordnung der Bundesrepublik“ aus den Deutschen bessere Menschen gemacht hat. Rotbart (offenbar dem Buchautor ähnlich) kann darüber nur lachen.
„Die Glaskugel“ ist also ein Roman über Hoffnung und Macht. Die Leser stellen fest, wie sehr sich die Macht in der langen Friedenszeit verändert hat. Der Onkel von Udo Zenobius, der im Sommer 1942 in der SS-Uniform die Passagiere des eingangs erwähnten Zuges im Vernichtungslager Bełżec begrüßte, hatte noch die Macht, mit seinem Browning fast jeden umzubringen. Demgegenüber knapp zwei Generationen später leidet Udo darunter, nicht in der Position zu sein, die Karriere seiner Mitarbeiter ruinieren zu können.
„Die Glaskugel“ ist aber auch ein Roman über den Kommunismus und den „Spuk“, den er hinterließ. Den Lesern wird nach der Lektüre bewusst, dass in jeder Gesellschaft nicht nur der Frieden, sondern auch das System Unterschied macht. Der russische Offizier Grigorij, eine der zentralen Romanfiguren, lebt in der Sowjetunion gut, sogar sehr gut. Er hat aber dennoch stets mit der Angst zu tun, weil er von seinem Gönner, dem Oberkommandierenden der Warschauer-Pakt-Staaten, fallen gelassen werden könnte. Mit seiner Bindung an den Marschall der Roten Armee stellt Grigorij einen Kontrapunkt zu Rotbart dar, der seinen Aufstieg im System der bundesdeutschen Universitätswelt eigenständig meistert. Selbst die Tatsache, dass Udo Zenobius es nicht schafft, sich von seinem politischen Zugpferd Gerhard Schröder zu emanzipieren, illustriert letztlich die Autonomie und Freiheit des Einzelnen im westlichen System.
Nach dem Kommunismus bietet der europäische Osten einigen Romanhelden schier unbegrenzte Aufstiegschancen. Sowohl Grigorijs strebsame Tochter, in der die Leser Julia Tymoschenko erkennen mögen, als auch eine polnische Liebhaberin von Rotbart verdienen mit ihren wirtschaftlichen Aktivitäten binnen weniger Jahre hunderte Millionen Dollar. Die Kehrseite ihres Erfolges stellt allerdings die geistige Leere dar, die der Verzicht auf eigene Ideale nach sich zieht. In Polen trägt diese Selbstverleugnung zum Hass der Neureichen auf diejenigen Politiker bei, die versuchen, die neue Ordnung gerechter zu gestalten.
Der Autor von „Die Glaskugel“ ist geschichtsversessen. Für diese Einschätzung spricht jedenfalls die Tatsache, dass er sich zutraut, die hinter verschlossenen Türen geführten Gespräche der bekannten Politiker – die er unter Decknamen auftreten lässt – zu „rekonstruieren“. Dank diesem Wagnis erfahren die Leser, wie sich der polnische Parteichef Jaruzelski sich der sowjetischen Führung unterwarf. Oder sie lernen Gorbatschows Beweggründe für Reformen, die er im Frühling 1987 in einem mit dem besagtem Marschall geführten Gespräch über Perestrojka verriet. Sie wohnen zudem der seltsamen Begegnung von Wladimir Putin und Gerhard Schröder in einer Petersburger Sauna bei. Ein Jahr später sind sie dabei, als sich Lech Wałęsa, Jarosław Kaczyński und Tadeusz Mazowiecki darüber zerstritten, wann man denn den Staatspräsidenten Jaruzelski absetzen sollte. Schließlich lauschen die Leser dem Monolog eines Staatssekretärs in der Regierung der Großen Koalition, der in einem vertraulichen Gespräch mit Zenobius im August 2015 die Gründe für die Öffnung der deutschen Grenzübergänge für hunderttausende Migranten offenlegte.
Die politische Küche vermischt Mayer mit dem zuweilen tragischen, oft dramatischen und ab und zu langweiligen Alltag seiner Protagonisten. Er nimmt seine Leser nicht nur nach Bełżec mit, sondern auch im August 1982 in den Kriegszustand nach Polen. In Posen finden sie sich auf einer antikommunistischen Party zusammen, bei der infolge der sozialistischen Versorgungsengpässe ausschließlich geräucherte Makrele, Brot und Sauergurken, reichlich begossen mit Wodka, serviert werden. Mayer zeigt ihnen nicht nur die Arbeitsmethoden und Denkweisen der Funktionäre des kommunistischen Sicherheitsdienstes, sondern auch die akuten Gefährdungen der Pressfreiheit in der Bundesrepublik, ebenso im Jahre 1982 wie im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrtausends. Er lässt die Leser an der Erhabenheit und der Trauer des ukrainischen Majdans 2014 teilhaben. Er veranschaulicht ihnen den Untergang der männerdominierten Sexualität, indem er seine weiblichen Figuren sowohl in frivolen Gesprächen als auch beim Intimverkehr Initiative ergreifen lässt.
In den gut 120 kleinen Unterkapiteln versetzt uns „Die Glaskugel“ in die längst vergessene Welt, in der es keine Handys und keine sozialen Medien, dafür aber geschlossene Grenzen und im Osten Europas unlösbare Probleme mit Telefonanschlüssen gab. Diese Welt war zwar langsam, aber keineswegs weniger dynamisch als die von heute. Die geschichtsträchtige Dynamik der vergangenen Langsamkeit ermahnt uns: Auch die heutige Zeit lässt sich nicht kontrollieren. Nach wie vor befinden wir uns auf einer Zugreise, die ins Ungewisse führt. „Die Glaskugel“ liefert zum melancholischen Nachdenken Stoff in Hülle und Fülle.
Die Themen des Romans sind also zahlreich: Hoffnung, Macht, europäische Geschichte, Leben im Osten und Westen, Melancholie. Aber auch an der handwerklichen Vielseitigkeit dieses Buchs, das Passagen des Sozial-, des Liebes- und des Phantasieroman Romans enthält, sich zudem zuweilen als politischer Thriller oder von Ironie durchtränkter philosophischer Monolog liest, haben die Leser ihren Spaß.
Es besteht kein Zweifel daran, dass „Jan Mayer“ ein Pseudonym ist. In der Autorennotiz wird vermerkt, dass er „unter anderen Namen“ in wichtigsten deutschen Zeitungen publizierte.
Wer versteckt sich hinter dem Decknamen?
Wer den Roman gelesen hat, wird wahrscheinlich zum Schluss kommen, dass „Die Glaskugel“ vom Autor des Umschlagfotos verfasst wurde, das jedem, der in die Nähe des Buchs kommt, ins Auge springt.
Der Roman „Die Glaskugel“ von Jan Mayer ist 2021 im Verlag LIT-literarisch erschienen. Er hat 714 Seiten und kostet 29,90 €



27.11.2021

"Die Ostgrenze der EU und das deutsch-polnische Verhältnis"



>Haben Sie vielen Dank für Ihre Mail und Ihren spannenden Text: Den Blick auf die Rolle der polnischen Opposition finde ich sehr originell, den Text würde ich gerne in den nächsten Tagen bei uns bringen.
 
Herzliche Grüße!<


Diese erfreuliche Nachricht habe ich vor zwei Wochen von "Die Welt" erhalten.


Eine Woche später erhielt ich die Nachricht von der gleichen Redaktion die folgende Nachricht:

 

>Vielen Dank für Ihre Erinnerung. Nein, der Text war nicht vergessen, keine Sorge – aber wir sind leider so ein bisschen von der Aktualität überrollt worden. Wir waren mehrfach schon kurz davor, Ihren Text einzuplanen, aber dann kam immer in letzter Sekunde etwas dazwischen, und nun haben wir so viel Berichterstattung dazu gehabt, und parallel hat sich die Situation an der Grenze gottlob etwas entspannt, dass ich nun leider doch auf Ihren Artikel verzichten möchte. Ich bitte vielmals um Verzeihung, das war so nicht geplant. 

 

Beste Grüße!<

 


Nun der besagte Kommentar: 


Der tückische Angriff auf Polen, Litauen und Lettland, den Wladimir Putin in Zusammenarbeit mit Aleksandr Lukaschenka durchführt, erfordert Plan, immense Logistik und Einsatz großer Ressourcen. Seinen gewagten Plan hätte Putin nicht verfolgt, wenn er für sein Ziel, die Europäische Union dazu zu zwingen, den belarussischen Wahlbetrüger und Unterdrücker seines Volkes anzuerkennen und für die Lösung des künstlich geschaffenes Migrationsproblems zu zahlen, keine Chancen erkannt hätte.

 

In einem Punkt ist sein Plan aufgegangen, nämlich in der Erwartung, dass die polnische Opposition als eine beträchtliche Kraft agieren würde, die die Lage an der Grenze dazu nützen würden, die eigene Regierung zu stürzen. Bereits im August fiel sie dem polnischen Grenzschutz in den Rücken. 

 

Oppositionelle Politiker, NGOs und Journalisten zogen an die Grenze zu Belarus, um zu beweisen, dass die Regierung „Flüchtlingskinder“ verhungern und verdursten sowie „schwangere Flüchtlingsfrauen“ im Freien gebären lässt, als trüge sie dafür Verantwortung, was auf der belarussischen Seite der Grenze geschieht. In den oppositionellen Medien – das sind die meisten in Polen – wurden die Grenzschützer, die an die Grenze abkommandierten Soldaten sowie Polizisten zuweilen als „Mörder“ und „Schande für das Land“ beschimpft. Dieser Rhetorik schloss sich medienwirksam der Großteil der polnischen Prominenten an, die von jeher die PiS bekämpfen.

 

Vor ihrer Machtübernahme im Jahre 2015 hatte allerdings auch die PiS keine Fähigkeit gezeigt, in einer Demokratie oppositionelle Arbeit zu betreiben. Statt sachliche Kritik zu üben und ein alternatives Regierungsprogramm zu entwerfen, beschränkte sie sich ein knappes Jahrzehnt lang darauf, die schwache Regierung von Donald Tusk als „unpatriotisch“ zu verunglimpfen. Sie deutete sogar an, dass der miserable Premierminister zusammen mit Putin für den Absturz des polnischen Regierungsflugzeuges am 10. April 2010 verantwortlich gewesen war, in dem u.a. der Staatspräsident Lech Kaczyński umkam.

 

2014 überraschte die PiS jedoch: Sie entwickelte ein tragfähiges Reformprogramm und stellte für die Wahlen im kommenden Jahr neue, unverbrauchte Kandidaten auf. Dann gewann sie überraschend die Präsidentenwahlen und gewann die absolute Mehrheit im Sejm zu gewinnen. Das war kein Ende der Überraschungen.

 

Denn die von der PiS dominierte konservative Koalitionsregierung hielt darüber hinaus als die erste im postkommunistischen Polen ihre Wahlversprechen ein, weshalb das Gerede von der „Glaubwürdigkeit in Politik“ in Polen nicht mehr Achselzucken und hervorruft. Die Regierung etablierte Sozialpolitik im Lande und sorgte für exzellente Wirtschafsentwicklung. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern stellte sie sich außenpolitisch konsequent gegen die Zusammenarbeit von Angela Merkel und Wladimir Putin (Nordstream 2) und – das ist für Polen am wichtigsten – erreichte eine beträchtliche Aufstockung der amerikanischen Militärpräsenz im Land. Obwohl einige ihrer innenpolitischen Reformen – besonders die seit 1989 fällige Umwandlung der maroden Justiz – ins Stocken geraten sind, haben sich die Regierungen von Beata Szydło und Mateusz Morawiecki als die erfolgreichsten und professionellsten im postkommunistischen Polen erwiesen. 

Trotz des Konflikts mit Deutschland stand für die Regierung Morawiecki die Option, die muslimischen Migranten, die bekanntlich in Polen nicht bleiben wollen, nach Deutschland durchzuwinken, niemals zur Debatte. Vielmehr reagierte sie auf die von Putin und Lukaschenka herbeigeführte und von der polnischen Opposition verschärfte Krise entsprechend dem europäischen Interesse am Aufhalten des Migrationsstroms: Ungeachtet des massiven Geschreis der Medien verhängte sie den Ausnahmezustand in den grenznahen Ostregionen des Ostens, sperrte die unmittelbare Grenzzone ab und baute im Juli im atemberaubenden Tempo provisorische Grenzbefestigungsanlage von 180 km Länge. Seitdem drängt sie die illegalen Grenzübertreter zurück.

 

Bis heute findet die polnische Regierung in der Opposition einen Feind. Diese verliert aber mit jedem Tag der Krise die Unterstützung in der Bevölkerung, weil selbst ihre Anhänger zu verstehen beginnen, dass den Politikern und Donald Tusk Polen und die EU weniger wichtig sind als die Rückkehr an die Macht.

 

Erst wenn sich diese Anhänger zu fragen beginnen werden, warum die Regierungen Merkel, Donald Tusk und die EU-Kommission die von der PiS angeführten Regierungen hartnäckig bekämpfen, wird es eine Aussicht auf die Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen geben. 


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